Clacton: 63 % für Farage – aber was sagt dieses Ergebnis eigentlich aus?
Sehr geehrte Leserinnen und Leser, da draußen vor den Bildschirmen,
vor ein paar Tagen hab ich eine kleine Mini-Serie zur Clacton-on-Sea By-Election in England gestartet, die heute stattgefunden hat. Ich habe die beiden relevantesten Kandidaten – sie sind beide männlich, daher verzichte ich hier auf den Genderstern – Count Binface und Nigel Farage vorgestellt. Zu den Artikeln kommt ihr, indem ihr auf die jeweiligen Namen klickt.
Jedenfalls;
Count Binface hat 26,9 % geholt, Nigel Farage 63,3 %. Der Rest ging an kleinere Kandidat:innen, darunter Jeremy Corbyns Bruder, ein Typ, der als Fischstäbchen verkleidet war, und einige weitere Kandidat:innen.
Nigel Farage war jedoch der einzige Parlamentarier und der einzige Kandidat, der einer Partei aus dem Parlament angehört – quasi aus der parteipolitischen Spitzenliga in England.
Politologische Einordnung
Politologisch ist diese Wahl allerdings deutlich interessanter, als es auf den ersten Blick vielleicht wirkt.
Denn zunächst muss man sich anschauen, was für eine Art von Wahl hier überhaupt stattgefunden hat.
Eine By-Election ist normalerweise eine Nachwahl, bei der ein einzelner Parlamentssitz neu vergeben wird. Dadurch können solche Wahlen eine Art politologisches Experiment sein: Die nationale Parteienlandschaft wird auf einen einzigen Wahlkreis heruntergebrochen und die Wähler:innen haben die Möglichkeit, ihre Stimme abzugeben, ohne damit direkt über eine neue Regierung entscheiden zu müssen.
Bei Clacton war die Situation allerdings noch einmal spezieller.
Die großen britischen Parteien traten überhaupt nicht an. Labour, die Conservatives und die Liberal Democrats boykottierten die Wahl, weil sie die von Farage ausgelöste Nachwahl als politisches Manöver betrachteten. Damit fehlte genau das, was man bei einer normalen britischen Wahl erwarten würde: ein klassischer Parteienwettbewerb zwischen mehreren etablierten Parteien.
Und genau dadurch wird das Ergebnis von 63,34 % für Nigel Farage und 26,93 % für Count Binface politologisch ziemlich spannend.
Auf den ersten Blick könnte man nämlich sagen:
„Farage hat mit über 63 % gewonnen. Also liebt Clacton Farage.“
So einfach ist es aber nicht.
Denn Farage hatte diesmal keinen Kandidaten von Labour, den Conservatives oder den Liberal Democrats gegen sich. Seine 63,3 % sind deshalb nicht direkt mit den 46,2 % vergleichbar, die er bei der regulären Parlamentswahl 2024 bekommen hatte. Damals erhielt er 21.225 Stimmen, während die anderen großen Parteien zusammen einen erheblichen Teil der Wähler:innen hinter sich bringen konnten.
Noch interessanter wird es beim Blick auf die Wahlbeteiligung: Sie sank von 58,7 % bei der Parlamentswahl 2024 auf ungefähr 44 % bei dieser By-Election.
Das bedeutet: Farage hat zwar einen gewaltigen Stimmenanteil, aber das Ergebnis ist nur eingeschränkt als Ausdruck einer allgemeinen Begeisterung der Bevölkerung für Reform UK interpretierbar. Ein Teil der Bevölkerung hatte schlicht keinen etablierten Kandidaten, für den sie stimmen wollte, und blieb möglicherweise zuhause.
Und dann kommt Count Binface. 🗑️👑
Dass Count Binface mit 26,93 % Zweiter wurde, ist eigentlich der vielleicht spannendste Teil der gesamten Wahl.
Es gilt an der Stelle übrigens auch zu erwähnen, dass Count Binface auch gegen Andy Burnham, den damaligen Kandidaten bei der By-Election in Makerfield, antrat. Dort konnte der Count 95 Stimmen erlangen, diesmal waren es 9.455 Stimmen.
Also könnte man als Konsequenz daraus ziehen: In der Wahl gegen Farage wählten fast 100-mal so viele MenschenCount Binface wie in der Wahl gegen Andy Burnham.
Count Binface konnte fast 10.000 % mehr Stimmen gegen Farage einsammeln als gegen Andy Burnham.
Doch Count Binface ist natürlich kein klassischer politischer Gegenkandidat. Hinter der Figur steht der Comedian Jonathan Harvey, und seine Kampagne ist bewusst satirisch.
Trotzdem bekam er 9.455 Stimmen – mehr als ein Viertel aller abgegebenen Stimmen. Damit erzielte er das mit Abstand stärkste Ergebnis eines britischen Comedy-Kandidaten.
Doch sowohl in Makerfield als auch in Clacton-on-Sea wählten die wenigsten Menschen Binface, weil sie Binface einfach so cool finden. Politikwissenschaftlich schlüssiger ist die Theorie der Protestwahl.
Wenn etablierte Parteien nicht antreten und gleichzeitig ein sehr umstrittener Politiker wie Nigel Farage praktisch ohne klassischen Gegenkandidaten dasteht, kann eine Stimme für einen satirischen Kandidaten zu einer Möglichkeit werden, Unzufriedenheit mit dem politischen System auszudrücken.
Count Binface wurde dadurch gewissermaßen zum Sammelbecken für Menschen, die nicht unbedingt Farage wählen wollten, aber gleichzeitig keine klassische Partei zur Auswahl hatten.
Das passt auch zu einer bemerkenswerten Ipsos-Umfrage vor der Wahl: In einem hypothetischen direkten Duell sagten 33 % der Befragten, sie würden lieber Count Binface als Sieger sehen, während nur 21 % Farage bevorzugten. Gleichzeitig waren 54 % der Meinung, Farage hätte nach seinem Rücktritt überhaupt nicht erneut ins Parlament einziehen sollen.
Das tatsächliche Wahlergebnis zeigt also etwas anderes als diese Präferenzfrage:
Viele Menschen, die Farage nicht unbedingt wollten, hatten bei der tatsächlichen Wahl keinen klassischen Anti-Farage-Kandidaten zur Verfügung.
Die Wahl als politisches Theater
Und damit sind wir bei einem weiteren politologischen Punkt: Political Spectacle, also der zunehmenden Bedeutung von politischer Inszenierung.
Farage hat die Wahl selbst ausgelöst und sie als Kampf „people versus the establishment“ dargestellt. Gleichzeitig boykottierten die etablierten Parteien die Nachwahl.
Dadurch entstand eine ziemlich bizarre Situation:
Farage inszeniert sich als Außenseiter gegen das Establishment – während er gleichzeitig der amtierende Abgeordnete und mit Abstand bekannteste professionelle Politiker auf dem Wahlzettel ist.
Und sein stärkster Konkurrent ist ein Mann mit einem Mülleimer auf dem Kopf.
Das ist eigentlich fast schon perfekte politische Satire. 😭
Count Binface wiederum funktioniert genau deshalb so gut: Seine Kandidatur macht die Absurdität der Situation sichtbar. Die Nottingham Trent University bezeichnete seine Kampagne entsprechend als Beispiel dafür, wie politische Memes und Satire politische Aufmerksamkeit umlenken und bestehende politische Narrative stören können.
Was sagt uns das Ergebnis also wirklich?
Ich würde deshalb nicht schreiben:
„Clacton hat sich mit 63 % für Nigel Farage entschieden.“
Das ist zwar formal richtig, politologisch aber etwas zu simpel.
Viel treffender wäre:
Nigel Farage hat eine politisch ungewöhnliche Nachwahl deutlich gewonnen, in der die etablierten Parteien nicht antraten und die Wahlbeteiligung deutlich niedriger war als bei der regulären Parlamentswahl. Sein Ergebnis zeigt deshalb vor allem seine weiterhin starke Stellung im Wahlkreis – ist aber kein direktes Maß für seine Unterstützung unter der gesamten Bevölkerung von Clacton.
Und gleichzeitig hat Count Binface gezeigt, dass Satire mittlerweile selbst zu einem relevanten Bestandteil politischer Partizipation werden kann. Seine 26,9 % sind weniger als ernsthafte Unterstützung für einen „Mülleimer-Kandidaten“ zu verstehen, sondern vielmehr als Ausdruck einer ungewöhnlichen Protest- und Anti-Establishment-Dynamik.
Am Ende ist die Clacton By-Election deshalb eigentlich weniger eine normale Wahl gewesen als ein politisches Experiment:
Ein etablierter Populist, der sich selbst als Außenseiter inszeniert, tritt gegen 33 weitere Kandidat:innen an, während die wichtigsten Parteien des Landes nicht teilnehmen – und ausgerechnet ein satirischer Kandidat wird zum zweitstärksten Bewerber.
Was wollte Nigel Farage mit der Wahl?
Farage trat zurück, nachdem gegen ihn aufgrund einer Schenkung von 5 Millionen Pfund Ermittlungen begonnen hatten. Daraufhin wollte er sich in Clacton ein Mandat holen.
Er wollte zeigen, dass die Leute für ihn sind. Dass er für die Leute und gegen das Establishment ist.
Jedoch war er, als einziger Klubobmann und noch dazu als einziger ehemaliger Abgeordneter, sehr wohl Teil des Establishments.
Daher hatte er sich auch nicht bei der Verkündung am Wahltag gezeigt. Denn er wollte keine Bilder haben, auf denen er neben Count Binface und anderen Satirekandidat:innen steht.
Und die Wahl kostet btw. den britischen Haushalt rund 250.000 Pfund. Denn da so viele Kandidat:innen auf dem Zettel standen, war die Durchführung entsprechend aufwendig.
Und Count Binface kann sich die 500 Pfund zurückholen, die er als Wahlausgaben hatte. Denn jede:r Kandidat:in, der oder die mindestens 5 % der Stimmen bekommt, erhält die entsprechende Wahlkampfkaution zurück.
So sah übrigens ein Foto einiger Kandidat:innen aus.
Stellt euch nun vor, Nigel Farage wäre da dabei.
Da sich Nigel selbst nicht getraut hat, war ich so frech, mit ChatGPT ihn einzufügen.
Ladys und Gentlemen: Die Elite, gegen die Nigel Farage angetreten ist – und Farage selbst:
Und jetzt wird er als Abgeordneter wieder angelobt und die Ermittlungen werden wieder anfangen.
Es gibt bereits Parteien und auch Count Binface, die davon ausgehen, dass es erneut eine By-Election geben könnte. Und dass Farage wieder in Clacton antreten wird.
Doch bei der nächsten Wahl werden auch die Tories mit von der Partie sein.
Und genau deshalb ist Clacton politologisch so viel spannender, als es ein Ergebnis von 63 zu 27 zunächst vermuten lässt.


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