Rezension "Folge 100 Die Anstalt"
Hier ist die durchgehende Fließtext-Version – dein Witz und Tempo bleiben, aber überall dort, wo vorher deine Stimme unbemerkt mit der der Sendung verschmolzen ist, steht jetzt klar: Das zeigt/sagt/behauptet die Anstalt.
Die Anstalt, Folge 100: Ohne Tafel, ohne Danger Dan, aber mit voller Wucht
In Zeiten kurzer, knapper Meldungen graben sich zwei Männer schon seit 100 Folgen tief in ihre Themen ein: Max Uthoff und Claus von Wagner. Stets mit einer Tafel im Gepäck, mit der sie komplexe Themen eindrücklich und verständlich erklären – normalerweise zumindest.
Denn bei dieser Jubiläumsfolge fehlen gleich zwei Dinge: die Tafel – und Danger Dan. Die Anstalt wollte den Künstler eigentlich einladen, doch zwei Tage vor der Aufzeichnung lud das ZDF ihn wieder aus. Als Ersatz spielte die Band Die Sterne ihren Song „Ich hab nix gemacht, außer weiter" ein – fast schon biedermeierlich unaufgeregt im Vergleich zum eigentlichen Anlass. Ohne Tafel, ohne Danger Dan geht es also weiter zum Hauptteil, dafür mit den gewohnt vielen Sketchen und der zugespitzten Überzeichnung von Politiker:innen, die die Sendung ausmacht.
Die Folge beginnt mit einer Pressekonferenz, auf der von Wagner das Programm der AfD Sachsen-Anhalt vorstellt. Schauspieler:innen geben Journalist:innen, die absichtlich alles missverstehen – auf der Suche nach der nächsten reißerischen Headline. Von Wagner spricht über Bücherverbrennung, die Journalist:innen wollen nur das Erscheinungsdatum seines (nicht existenten) Buchs wissen. Doch er will kein Buch bewerben, sondern reden: darüber, dass die AfD nach Darstellung der Sendung Menschenwürde und Demokratieprinzip verletze und stattdessen eine eigene „Schwarz-Rot-Gold-Akademie" gründen wolle. Auch wolle die AfD Sachsen-Anhalt Geflüchteten den Zutritt zum Christkindlmarkt verbieten – ein absurdes Bild dazu liefert die Sendung gleich mit: ein Polizist im 50-Einwohner-Dorf Püggen, der kontrolliert, ob man brav deutsche Geburtsurkunde, EU-Pass oder Mitgliedsausweis vom Kleintierzuchtverein dabeihat. Der AfD-Verband wolle zudem Geflüchtete inhaftieren – andere AfD-Politiker forderten laut der Sendung sogar, Habeck, Scholz, Baerbock und Faeser einzusperren.
Von Wagner zieht dazu eine Studie heran, wonach die AfD rassistischer einzustufen sei als die NPD – jene rechtsextreme Kleinpartei, die laut Sendung nur deshalb nicht verboten wurde, weil sie zu klein und einflusslos war. Das Bundesverfassungsgericht habe entsprechend festgestellt, dass die NPD politisch chancenlos gewesen sei. Die AfD hingegen habe in Sachsen-Anhalt reale Chancen auf das Ministerpräsidentenamt. (Anmerkung am Rande: Der AfD/NPD-Vergleich ist eine starke These der herangezogenen Studie – die wissenschaftliche Einordnung solcher Vergleiche ist umstritten, und die Sendung präsentiert hier ihre eigene Position.)
Nach der Pressekonferenz ziehen von Wagner und Maike Kühl gemeinsam mit einem Schauspiel-Merz in den Wahlkampf. Die Szene dreht Kennedys berühmte Parole um: Heute solle sich das Land fragen, was es für seine Bürger:innen tun kann – allerdings im Rahmen des Machbaren und Anständigen. In der Szene lässt ein Schauspiel-Bürger den Schauspiel-Merz quaken und den „Vogerltanz" machen; als Merz danach um dessen Stimme bittet, bekommt er sie nicht. Die Botschaft der Show: Politiker:innen sollen sich nicht für Stimmen lächerlich machen, sondern den Bürger:innen wirklich entgegenkommen und dienen.
Ob dieser Anspruch in der politischen Realität ankommt, lässt die Folge offen anklingen – deutlicher wird sie an anderer Stelle: In einer Szene beschimpft der Schauspiel-Merz eine Schauspiel-Bürgerin sogar als „Arschloch". Die Botschaft der Anstalt dazu ist unmissverständlich: zusammenkommen, zuhören, einander mit Respekt begegnen – statt, wie der Schauspiel-Merz, ein Buch aufzuschwatzen. Ehrliche Antworten statt Ausschweifungen, im Dienst der Bürger:innen statt der eigenen Wiederwahl.
Reichen aus Sicht der Sendung andere politische Mittel nicht aus, bringt die Anstalt als letzte Option ein Parteiverbot ins Spiel – ein Gedanke, der auf Karl Loewensteins Konzept der „militant democracy" zurückgeht: Nur weil eine Partei am Wahltag Platz eins erreicht, habe sie noch keinen automatischen Anspruch auf das Kanzleramt oder auf absolute Macht. Stattdessen argumentiert die Sendung, demokratiefeindliche Parteien müssten mit den Mitteln der wehrhaften Demokratie bekämpft werden – das schärfste davon: Artikel 21 Grundgesetz. Loewenstein, DDP-Mitglied, liberaler Antifaschist und Staatsrechtler, brachte dazu einst die Idee: Feuer mit Feuer bekämpfen. Bevor der Faschismus die Demokratie abschaffe, könne die Demokratie den Faschismus verbieten.
Verbietet man die Partei nicht, könnte man ihr laut der Anstalt zumindest Auftritte und Werbung untersagen – so wie es Karl Stützel tat, bayerischer Innenminister von 1924 bis 1933: Er verhängte 1925 ein Redeverbot gegen Hitler und erließ später ein Uniformverbot für SA und SS. Von diesem Mut ist heute wenig übrig, konstatiert die Sendung: Björn Höcke kann in Thüringen mit einem SA-Slogan auftreten, dort Platz eins holen und liegt laut Umfragen bei rund 40 Prozent – knapp vor der absoluten Mehrheit.
Die Ideen von Stützel und Loewenstein finden heute laut Anstalt kaum noch Anwendung. Stattdessen zeigt die Sendung zwei Optionen, wie stattdessen umgegangen wird: Erstens Koalitionen, um Rechtsaußen vom Koalitionspoker fernzuhalten – wie weit das gehen kann, illustriert eine Szene, in der die Darsteller:innen von Friedrich Merz und Heidi Reichinek sich menschlich annähern, Linksaußen und Konservative vereint gegen die AfD. Zweitens: sich inhaltlich stellen. Das habe punktuell funktioniert, etwa bei Sebastian Kurz – die ÖVP verteidigte zwar das Kanzleramt, die FPÖ legte aber trotzdem um 5 Prozentpunkte zu. Dass dieses inhaltliche Stellen wenig bringe, davor habe laut Sendung schon Loewenstein vor 90 Jahren gewarnt.
Am Ende plädiert die Sendung dafür, ein Parteiverbotsverfahren gegen die AfD einzuleiten.
Fazit: Die Anstalt bleibt sich zum Jubiläum treu – eine Sendung, die auch ohne Tafel und Gastauftritt komplexe Themen pointiert, unterhaltsam und mit klarer eigener Haltung aufbereitet. Wer politisches Kabarett mit Biss mag, kommt zur 100. Folge auf seine Kosten; wer eine ausgewogene Gegenüberstellung verschiedener Parteipositionen erwartet, sollte wissen, dass die Anstalt hier klar Position bezieht – wie sie es von Anfang an tut.
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