Rezension Ich einfach Unverbesserlich 4

Bei meinem Kinobesuch ist mir etwas aufgefallen: Ich war um halb 4, also zu einer Zeit wo den Film, der als Kinderfilm geführt wird, auch noch Kinder besuchen könnten. Doch es waren vorwiegend Spätpubertierende und Früherwachsene, von Kindern weit und breit keine Spur. Vereinzelt ältere, weiblich gelesene Personen, die vermutlich eher auf Facebook anzutreffen sind und große Minion-Fans sind. 

(C): Universal Pictures

ACHTUNG!! IN DER NACHFOLGENDEN REZENSION KOMMEN SPOILER VOR! ACHTUNG!!

1. Eingangsszene und Referenzen      

 Was im Film besonders aufgefallen ist, dass er einige Szenen aus bekannten Filmen und anderen Geschichten nimmt und sie mit den gelben, kleinen Figürchen ersetzt.    

Beispielsweise die Szene aus dem Spidermanfilm von Tobie Maguire, wo er den Zug mit bloßer Kraft zurückhält. Die Szene wird mit einem Minion, der von der Liga der Antischurken mit Kräften ausgestattet bekommt, nachgestellt.    

Alleine die Szene wo 4 Minions Kräfte bekommen, erinnert schon etwas an Captain America. Um einen Bösewicht zu stoppen, werden 4 Minions in Kapseln gesperrt mit der Warnung, dass wenn es misslingt ihnen rote Köpfe bringt. Wer hier nicht gleich an Red Skull aus Captain America denken muss...  


2. Slapstick-Humor und Gesellschaftskritik      

Der Humor im Film ist zu sehr slapstick. Man muss dazusagen, dass heutige Kinder und Frühpubertierende eine wesentlich kürzere Aufmerksamkeitsspanne haben, weshalb die Szenen so aneinandergereiht sind, dass sie wie Instareels oder aneinandergereihte TikToks wirken. Als Fan von Humor a la Otto Waalkes bin ich grundsätzlich Slap Stick nicht abgelehnt, jedoch ist es so dass es hier zu viel Slap Stick gibt. Doch Slap Stick a la Otto Waalkes läuft anders: In einem recht ernsten Setting gibt es einen Quatschkopf, Otto, der aufgrund seiner Intelligenzabstinenz das Publikum zum Lachen anregt. Doch hier ist alleine schon das Setting komisch. Hier entstehen Pointen nämlich leider häufig durch gegenseitiges Quälen.    

Unaufhörlich hauen sie sich die kleinen, komisch aussehenden, gelben Männchen. Und mit was für einer Brutalität und Kreativität, sind sie regelrecht eine Metapher für die gegenwärtige gesellschaftliche Brutalisierung insbesondere in Diskussionen im Internet. Erwachsene die sich wie Kinder verhalten und verroht sind, gibt es nicht nur in Form der kleinen Minions oder Usern im Internet sondern teilweise auch in Realität. Man denke hier an Politiker wie Werner Kogler, die von Gefurze und Gemurkse reden, von Anhängern, die zu ihrem Anführer Sebastian Kurz beten, oder einfach nur an die meisten Szenen im Zusammenhang mit den Klimaklebern, egal ob Aktivisti selbst oder Menschen, die von ihnen aufgehalten werden. Die Gesellschaft verroht und wird immer brutaler. Man denke hier nicht nur an die zuvor erwähnten Beispiele sondern auch an tatsächliche Angriffe auf Politiker:innen wie es schon etliche Parteivorsitzende in Deutschland erleben mussten. Sei es ein Habeck der von einem wütenden Mob im Jänner behindert wird beim Verlassen des Schiffes. Sei es ein Chrupalla. Oder auch jetzt neulich in der USA mit Trump. Die Gesellschaft wird weltweit brutaler. Und diese Brutalität wird in den Minions perfekt eingefangen.  


3. Gru und die Anti-Verbrecher-Liga      

Bei den Minions geht es ums Ganze. Es ist in diesem Universum so, dass Schurke zu Superheld Gru, Protagonist ist. Als solcher ist er auch für das Gesetz unterwegs und übt damit quasi "Law and Order" aus. Sein Privatleben, Beruf und Familie, ist das eines 0815 Bürgers. Wobei es sehr wohl positiv hervorzuheben ist, dass es nicht scheint als würde Gru arbeiten sondern auf das Baby aufpassen. Und diese Introduktion der Väterkarrenz ist in einem sonst eher schnöden, slapstick-humorigen, brutalen Film als kleiner Hauch Progressivität sehr wohl zu begrüßen.  


4. Der Kampf gegen Jamal und die Entpersonalisierung der Minions      

Jamal bricht aus einem Hochsicherheitsgefängnis aus und möchte mit Kakerlaken die Welt regieren und Grus Familie ausrotten. Daher muss sich Grus Familie in einem kleinen Städtchen, Mayflower, verstecken. Die Minions kommen inzwischen in die Hauptzentrale der Anti-Verbrecher-Liga und werden als Kriegsmaterial verbraucht und damit auch entpersonalisiert und auf eine Stufe mit den Ka  kerlaken gesetzt. Denn wer stört sich denn jetzt noch an ein paar Minions mehr oder weniger?    

Doch mit den Minionssoldaten verschwimmen die Grenzen immer mehr und das Heer kommt  in den Einsatz um gegen die Kakerlaken zu kämpfen.  


5. Neoliberalismus und die Rolle der Minions      

Die Minions sind Arbeiter, die sich aber nicht selbst regieren können, sondern einen starken Herrscher brauchen. Die Minions sind Material, das man im Zweifel verschwenden kann, wie man Lust und Laune hat. Eine beinahe hämische Überzeichnung des Neoliberalismus. Die Arbeiter unterwerfen sich einer höheren Entität, sei es Arbeitgeber oder Staat . Denn alleine kommen die Arbeiter nie aus. So unterwerfen sich die Minions auch dem Staat, der Polizei, der Anti-Verbrecher-Liga.   

Die Minions werden in der A-V-L ausgebildet und agieren als ein großes Ganzes. Früher nannte man das Frontsozialismus. Die Arbeiter sterben für den Staat, die Minions für die A-V-L.    

Wie verändert sich es wenn sich die gelben Arbeiter in Latzhose nicht mehr Verbechern, also quasi Privaten, sondern dem Staat unterwerfen? Früher konnten sie noch wählen wem sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Nun müssen sie bei der Liga Experimente machen, damit sie Killermaschinen werden. So sind sie nicht mehr eigenständige Arbeiter sondern regelrecht Sklaven des Staates.  


6. Bezüge zur Geopolitik und Militär

Dieser Film ist ein Zugeständnis an die Superheldenfilme. Seien es die zuvor erwähnten Anspielungen an Spiderman oder Captain America. 

Heutzutage dominiert nicht preußischer Militarismus, sondern beispielsweise Leoparden-Memes. Ein buntes Gemetzel und kein schwarz, weißer, streng formierter, straff organisierter Krieg ist das was wir auch im Film zu Gesicht bekommen.  

Einmal erklingt die LGBT-Hymne Charma Chamälaon. Es entsteht ein Streit zwischen Gru und Jamal, wer den Song singen darf. Der neue Militarismus und LGBT passen zusammen, so hisste beispielsweise die NATO auch schon die Regenbogenfahne. 


7. Die Abschlussszene als Hommage      

Das einzig wirklich gute am Film ist die Abschlussszene, wo alle Schurken und auch Gru und seine Familie zusammenkommen und gemeinsam "Everybody Wants to Rule the World" singen. Als Homage an eine Zeit in der es von Autoritarismus, Verbotsfantasien und militärischen Spezialoperationen nur so wimmelt, einfach genial. Denn der Song ist damals zur Zeit des kalten Krieges entstanden, und in ihm geht es eigentlich darum, dass Menschen regiert werden müssen.

Fazit? Auch wenn der Film vom Humor und der Storyline eher schwach ist, ist er auf der Sinnebene genial. So viele Anspielungen hat nicht einmal Ready Player One.

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