Rezension "Freundschaft"

 Autor: Michael Häupl
ISBN:371060589X
Am 31.1.2022 erschienen
Verlag: Brandstätter Verlag
Rezensionsexemplar? Nein

(C): goodreads.com


Über den Inhalt:

Was muss passieren, damit ein niederösterreichischer Lehrersohn aus christlich-sozialem Haus Bürgermeister des Roten Wien wird?

Persönlich, tiefsinnig und natürlich auch mit viel Wiener Schmäh erzählt Michael Häupl von seinen schwierigen Klosterschuljahren, von seiner Lebensentscheidung zwischen Wissenschaft und Politik, von seinem Aufstieg und von schmerzlichen Niederlagen. Ein Vierteljahrhundert lang hat Michael Häupl als Bürgermeister die Geschicke Wiens gelenkt. Er nimmt uns mit hinter die Kulissen der österreichischen Innenpolitik und beschreibt, woran die roten Kanzler Gusenbauer, Faymann und Kern gescheitert sind.

Erstmals geht Häupl auch auf die turbulenten Auseinandersetzungen in der Wiener SPÖ vor seiner Amtsübergabe an Michael Ludwig ein. Und er schreibt über die schwere Erkrankung nach seinem Rückzug aus der Politik. Michael Häupls klare politische Überzeugungen und private Einblicke machen klar, warum die Popularität des längstdienenden Bürgermeisters bis heute ungebrochen ist.

Quelle: Verlag


Über den Autor:

Michael Häupl, geb. 1949, studierte Biologie und begann eine wissenschaftliche Karriere im Naturhistorischen Museum, bevor er sich ganz auf das Wirken in der Politik konzentrierte. 1994 folgte er Helmut Zilk als Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien nach und lenkte die Geschicke der Stadt auch in wechselhaften Zeiten wie kein anderer. 

Nach 23 Jahren, sechs Monaten und 16 Tagen in diesem Amt zog er sich 2018 aus der Politik zurück und ist heute in zahlreichen Funktionen tätig, u.a. als Präsident der Volkshilfe Wien und des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds.

Quelle: Verlag


Meine Meinung:

Es heißt ja "Ein Baum, der lange im Wald steht, bietet vielen Schatten". Stimmt das auch?

In diesem Buch erzählt Michi Häupl, längstdienender Sozi, Bürgermeister und Politiker der zweiten Republik, seinen Aufstieg vom jungen Biologiestudenten zum Bürgermeister und Gesicht der SPÖ. Diese Ereignisse sind logisch und leicht verfolgbar aneinander gereiht. Es ist beeindruckend, dass ein Leben, das lang und eng mit der Politik verbunden ist, zwischen den Buchdeckeln auf nicht einmal 300 Seiten gepresst wurde. Und zwar wirklich das ganze bisherige Leben. Vom kleinen Schüler im schwarzen niederösterreichischen Kaff über den Biologiestudenten bis hin zum Bürgermeister. Ein langes Leben auf kurzen Seiten ist beeindruckend. Am Anfang war es jedoch so dass die ersten Jahre bis zum Studium recht kurz gestrafft wurde, die 25 Jahre Politik hingegen zogen sich über 90% des Inhalts.

Ein gutes Buch lebt nicht nur von einem klaren, stringenten Aufbau, sondern auch von einem guten, authentischen Schreibstil. Wenn man den Michi schon mal erlebt hat, kommt es einem vor, wie als wäre es eine Erzählung von ihm. Als Hörbuch wäre es sogar sicher perfekt geworden, denn es liest sich wie als würde er es erzählen.

Und er hat sicher eine einzigartige Perspektive. Aufgewachsen in einem tiefschwarzen, dreitausend Seelendorf. In der SPÖ Jugend unter Bruno Kreisky. Biologiestudent und Mitarbeiter im Naturhistorischen Museum Wien. Erster Umweltstadtrat. 25 Jahre Bürgermeister. Bundesparteivorsitzender der SPÖ nach Christian Kern. Er hat so viel mitgemacht und dadurch auch einiges zu erzählen gehabt. Dadurch ist seine Biografie auch eine Biografie der SPÖ. Von Kreisky zu der Partei, die in Wien parteitaktische Spielchen und politische Diskussionen betreibt.  

Seine ganzen Geschichten haben mich auch emotional mitgenommen. Denn es war ein wahrlich beachtlicher Aufstieg. Als Lehrerbub zu dem Bürgermeister und Sozi schlechthin. Eine Biografie die sich sehen lässt. Vor allem weil er eigentlich aus einem tiefschwarzen Kaff kommt. Damals gab es nur einen Sozi im Gemeinderat seiner Gemeinde, der Rest war schwarz. Und dann ist er in die große Stadt gegangen und hat was aus sich gemacht. Das war sehr inspirierend.

Thematisch war es leider nicht so stark. Es wurde zwar erzählt, dass er in die große Stadt geht, Biologie studiert, beim VSSTÖ angefangen hat, beim naturhistorischen Museum gearbeitet hat und dann anschließend in die Stadtpolitik kam. Aber einiges hat man schon mitbekommen: Dass es in der SPÖ schon immer Zoff gab und auch schon immer parteitaktische Spielchen. Sei es in der Zusammensetzung der Stadtregierung oder im parteipolitischen Umgang mit der FPÖ. Aber wie er genau Bürgermeister wurde, wurde ausgelassen. Sein erster Wahlkampf hat gefehlt. Sein Weg zur Kandidatur wurde nur kurz beschrieben, dass er vom Vorgänger empfohlen wurde und dann auf der Liste stand. Mehr nicht. Er wurde empfohlen und konnte den Bürgermeisterschlüssel erhalten. Einfach so. Das war dann nicht so lehrreich. Aber das ist der einzige Kritikpunkt: Dass zwar erklärt wurde, dass er in die Stadt ging und sich gemacht hat, aber nicht wie er konkret Bürgermeister wurde und sein erster Wahlkampf war.

Der Umgang mit Misserfolgen bei Wahlen war stark. Denn selbst wenn er vielleicht ein oder zwei Prozente verloren hat, ist er dennoch Bürgermeister geblieben. Und er kritisierte Christian Kern. Die Prozente wurden mehr, doch die Kanzlerschaft ging an Basti Kurz verloren, der gemeinsam mit HC die erste türkis-blaue Koalition in Österreich führte. Daraufhin trat Kern zurück. Dieses Verhältnis war für Häupl unverständlich. Denn Michi ist hartnäckig geblieben. Michi bleibt Bürgermeister, solange die SPÖ die Mehrheit hat. Das einzige das Häupl in die Knie zwang war des Gevatter Zeit langer Lauf, das Altern. Denn bis auf ein oder zwei Prozent plus oder minus hatte er nie einen grandiosen Misserfolg, sondern sich persönlich entwickelt. Vom Biologienerd, der sich im Museum verschanzte, zum Bürgermeister, der in ganz Wien aktiv und beliebt war. 

Alles in allem war das Buch schon gut. Aber es war nicht sehr gut und auch nicht außergewöhnlich. Daher bekommt es 68%. 

In diesem Sinne: Man bringe den Spritzwein!


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