"Wenn man die Realität richtig darstellen will, muss man auch verstehen, wie viel Menschen gibt es, die für ein gewisses Thema brennen und nicht." - Interview mit Marvin Neumann
Marvin Neumann ist YouTuber, SWR-Talkshowmoderator und Journalist. Ich konnte mit ihm ein Interview führen.
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Könntest du dich in 3 Sätzen vorstellen?
Mein Name ist Marvin, ich bin 30 Jahre alt, Videocreator auf YouTube und Journalist und arbeite zusätzlich noch als Cutter und Mediengestalter in der Produktionsfirma von MrWissen2Go und, das wäre der vorletzte Satz, ich vertrete die Position, dass politischer Journalismus auf YouTube sachlich und respektvoll sein sollte, auch wenn das nicht die größte Reichweite hat im Vergleich zu Meinungsbloggern. Das ist meine Weise, wie ich rangehe.
Welchen Rat würdest du angehenden Journalisten geben und wie bist du zu dieser Situation gekommen, wo du jetzt bist?
Ich würde 3 Sachen raten:
- Sich wirklich mal die eigenen Vorbilder raussuchen, wo man sagt, da ist man begeistert von, die findet man gut, und schauen, was die für einen Lebenslauf gemacht haben. Oder einfach mal eine Mail zu schreiben und sagen so und so und so. Kannst du mir irgendwelche Tipps geben? Keine Scheu zu haben, auf solche Leute zu zugehen und einfach anzufragen
- Einfach selbst starten. Wie oft habe ich schon in ein paar Firmen gesehen, dass sie es sehr geschätzt hatten, dass man sich schon eigene Erfahrung aufgebaut hat. Doch das sollte nicht zur Norm werden und das kann man kritisieren, da das Sender eigentlich machen sollten
- Selbst wenn man in den Journalismus gehen will, auch die Technik zu kapieren und zu respektieren. Ich habe selbst einmal 2-3 Wochen Praktikum beim ZDF gemacht, bei der Technik, während meines Studiums. Es war ein Mini-Praktikum, hat mir extrem viel geholfen und auch mehr Verständnis gezeigt für deren Seite. Ich bin ja nicht nur Journalist, sondern auch Cutter, und arbeite hier in der Firma auch als Cutter. Das zu können ist nicht verkehrt. Diese 3 Sachen würde ich tatsächlich empfehlen.
Wie bist du zum Journalismus gekommen?
Das ist eine gute Frage. Das ist eine Mischung aus generellen Medieninteresse, das ich schon immer hatte. Ich hatte in der Schulzeit schon, in der 9.,10. Klasse, so was um den Dreh, schon Praktika gemacht, ein Schülerpraktikum. Das hat sich so ein bisschen durch die Schulzeit durchgezogen. Nach der Schule wusste ich dann nicht, was ich wirklich so genau machen wollte, welche Ausbildung, was für ein Studium. Dann hab ich ein Jahr im Ausland gemacht, bin zurückgekommen und hab mich entschieden noch einmal ein längeres Praktikum bei einem Radiosender zu machen und bin daraufhin auf den Studiengang Publizistik gestoßen, in Mainz, in Deutschland und war davon sehr begeistert. Das ist ein Fach wie Kommunikationswissenschaft, also nicht ganz Journalismus, aber da ist man von dem Thema dann fachlich umgeben. Bin auch beim Unisender gewesen und habe meinen eigenen Kanal gemacht. Ja, irgendwie ist man dann in die Branche reingerutscht.
Man kann ja auch so was wie ein Volontariat im Journalismus machen. Das habe ich nicht gemacht. Jetzt bin ich aber auch schon seit 5 Jahren in einer Medienproduktionsfirma, die journalistisch arbeitet, und mache seit 7 Jahren meinen eigenen Kanal mit journalistischem Angebot. Man rutscht da so ein bisschen rein und lernt nie aus. Auch wenn ich mir die ersten Videos von 2016,2017 anschaue, das hätte ich heute wahrscheinlich anders.
Stichwort Videos: Was war das interessanteste Interview in der Vergangenheit und was steht als nächstes an?
Ich muss schon sagen, dass das Interview mit Olaf Scholz, auch wenn es ein digitales Interview war, als er damals noch Vizekanzler war und Bundesfinanzminister war, das war schon etwas besonderes.
Ich fand aber auch vor Ort das Interview mit Martin Sonneborn, der der Parteichef der Satirepartei “Die Partei”, spannend. Und zwar natürlich auch wegen ihm als Gesprächsgast, aber ich finde es dann auch immer wieder spannend, wo solche Politiker und Politikerinnen stattfinden lassen. Wenn man jetzt nicht gerade selbst ein Studio hat, das wir nicht haben. Und das war bei denen in der Parteizentrale “Die Partei”. Das hatte nicht nur so Züge von einer typischen, deutschen Raucherkneipe. Es war auch eine typische, deutsche Raucherkneipe. Das war schon spannend.
Als nächstes Interview steht noch gar nichts konkret fest. Es war mal ein weiterer Bundesminister aus Deutschland im Gespräch, das muss sich aber noch ergeben. Aber aktuell steht wirklich nichts an, aber das ist auch okay. Ich brauche auch wirklich Urlaub die nächsten paar Wochen.
Es gab im ZDF eine Studie, bei der 80% der Befragten meinen, dass die Demokratie heutzutage schwerer angegriffen wird als noch vor 5 Jahren. Siehst du da im Journalismus ein Mittel dagegen?
Ja und dass das Mittel im Zweifelsfall ist, journalistisch, wenn ich ein Thema aufbereite, mehrere Seiten darzustellen, allerdings nicht balancemäßig falsch darzustellen. Es gibt ja im Journalismus den Begriff des false balancings, also dass Journalisten immer denken, dass sie um die Realität richtig darzustellen, mehrere Seiten darstellen sollten.
Wenn man die Realität richtig darstellen will, muss man auch verstehen, wie viel Menschen gibt es, die für ein gewisses Thema brennen und nicht.
Also false balancing zu beachten und nach wie vor Inhalte zu produzieren, die so gut es geht, objektiv, sachlich und respektvoll sind. Und eine Sache, die ich auch oft wieder beobachte: Ich bin in einer Firma tätig, die auch und vor allem öffentlich-rechtliche Produkte produziert. Mein eigener Kanal ist jetzt nicht öffentlich-rechtlich, aber ,zugegeben, ich bin ein öffentlich-rechtlich denkender Mensch, weil ich auch arbeitstechnisch damit groß geworden bin, unter Anführungszeichen. Und was mir immer wieder auffällt ist, dass wenn ich mich Mitteln und Quellen für meinen eigenen Kanal bediene, die öffentlich-rechtlicher Natur sind, und auf meinem Kanal widergebe und die Quellen angebe, dann vertrauen mir Leute eher als den öffentlich-rechtlichen Quellen. Und das obwohl die Quellen in dem Fall öffentlich rechtlich waren. Da herrscht ein generelles Misstrauen einfach nur gegenüber dem Namen, manchmal und nicht oft. Da sehe ich mich jetzt persönlich in der Verantwortung als jemand dem irgendwie noch vertraut wird, zu zeigen, gerade, wenn wir über Demokratieförderung sprechen, dass da Journalismus, nicht nur der öffentlich-rechtliche Journalismus
aber auch eine wichtige Instanz ist. Klar, richtigerweise muss über Skandale gesprochen werden, die auch der Demokratie oder dem Journalismus nicht gut tun. Dann müssen wir aber auch oftmals viel mehr darüber sprechen was für tolle Investigativrecherchen von allen Journalist:innen in Deutschland und generell gemacht werden.
Das herauszufordern. Das false balancing nicht zu betreiben und hervorzuheben wie wichtig Journalismus mithilfe von Investigativjournalismus ist, finde ich persönlich das Mittel, das wir als Journalisten verwenden können und benutzen sollten, um dagegen anzukämpfen.
Da du ja politische Berichterstattung machst und YouTube im Zuge der US-Wahl-Nachrichten beschließt nicht mehr die Fake News zu verbannen, wollte ich fragen, wie du das generell siehst, dass YouTube generell nicht mehr so gegen Fake News vorgeht?
Diese Ankündigung von YouTube finde ich auch schwierig, aber ehrlicherweise müsste man sich das nochmals im Detail anschauen, wie viel so oder so diese Regelung ausgemacht hat und ob das überhaupt irgendwas verändert. Beziehungsweise wie weit YouTube auch mit dieser Regulierung Inhalte reguliert oder gelöscht hat. Wir diskutieren darüber ohne zu wissen, welche Auswirkungen die Regelung vorher hatte und welche Videos dadurch nicht erschienen sind. Das wissen wir alles nicht. Aber grundsätzlich: Wenn YouTube sich positioniert und sagt, wir möchten weniger Fake News verbannen, sehe ich das auch schwierig.
Aber auf der anderen Seite, das sehe ich auch schwierig, dass Plattformen zum einen so eine Macht haben, darüber entscheiden zu können, welche Inhalte gelöscht werden können, und zweitens auch vom Gesetzgeber eine relativ große Macht zugeschrieben bekommen, Stichwort Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Deutschland, eigene “Gerichte” zu haben, die intern entscheiden, welche Inhalte gelöscht werden und welche nicht. Denn drittens ist das die Aufgabe des Gesetzgebers im Zweifelsfall. Ich sehe mich nicht in der Verantwortung YouTubes Verantwortung zu übernehmen, aber ich sehe mich in der Verantwortung im Gesamtkontext der journalistischen Berichterstattung wahrheitsgetreue Informationen anzubieten und ich sage einmal so: Je mehr Leute diesen Anspruch haben, desto besser für die Plattform. Und was YouTube dann macht, muss man kritisch drüber schauen und noch einmal nachdenken.
Wie hat eigentlich die Interviewanfrage bei Christian Lindner funktioniert? Hat das der Markt geregelt?
Da hat der Markt relativ wenig damit zu tun gehabt, muss ich sagen, bei der Interviewführung als auch bei der Veröffentlichung. Das Interview mit Christian Lindner ist genau so gelaufen von der Anfrage bis zur Durchführung bis zur Veröffentlichung, wie jedes andere Interview auch. Das ist auch schon ein bisschen her. Ich glaube, das war 2021 oder 2022. Es war eine ganz normale Anfrage im Zuge der Bundestagswahl. Man merkt generell, dass zur Bundestagswahl hin Politikerinnen und Politiker und auch Minister:innen offener sind Interviews zu geben, weil sie entweder mehr Zeit haben oder und auch weil die Bundestagswahl ansteht. Dann haben wir mit der Pressesprecherin gesprochen, einen Termin vereinbart und dann ging es auch schon los. Das einzige, was ein bisschen ungewöhnlicher war, ist, dass ich ihn gesiezt habe und er mich sofort geduzt hat. Das war so nicht besprochen und so auch nicht von mir gewollt. Aber was er macht, das muss er dann wissen. Die Veröffentlichung, das ist dann ja nicht so, dass die da nochmal drauf schauen oder so. Ich hab das dann veröffentlicht und gut war.
Welche Bedeutung hat journalistische Ethik für dich?
Journalistische Ethik steht natürlich ganz oben. Gerade so im privatjournalistischen Bereich ist natürlich immer Auslegungssache. Während Verlagshäuser meistens oder immer die redaktionelle und die Marketingseite trennen und sich die Redaktion einfach um die Inhalte kümmern kann, bei jemandem wie mir, eher schwer/nicht zu trennen. Weswegen ich gerade bei Werbepartnern schaue, ob die zu meinem Content und zu dem was ich vertrete, passen und können sie vielleicht sogar einen Mehrwert bieten, der weiterführend den Zuschauer:innen wirklich was bringt. Das ist ein ganz großer Punkt auf den man schauen muss. Ansonsten was journalistische Ethiken betrifft, die Richtlinien des deutschen Presserats eine gute Adresse, um sich daran zu halten und Überblick zu schaffen. Ich möchte, dass das auch für mich gilt genauso wie für jeden anderen Journalisten.

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