“Mit Partys bringt man kein Schulsystem weiter.” - Interview mit Frederik Witjes
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Frederik Witjes ist AHS-Landesschulsprecher in Wien und Bundesvorsitzender der JUNOS Schüler_innen. Ich konnte mit ihm ein Interview führen
Die JUNOS Schüler:innen waren lange unscheinbar, lange dominierten die Schülerunion und die AkS die LSV Wien. Wie sind Sie zu so einem, für die JUNOS, fulminanten Ergebnis gekommen?
Wir haben selber lange nicht damit gerechnet, dass sich das so gut ausgeht. Ich bin mittlerweile seit 3 Jahren bei JUNOS Schüler_innen in Wien dabei und habe halt persönlich seit Tag 1 relativ viel daran gearbeitet und habe auch die letzten 2 Jahre dafür Aufbau geleistet. Es war sozusagen oft: Probieren, Fehler machen und aus Fehlern lernen. Wir sind finanziell und ressourcentechnisch massivst unterlegen gewesen - das sind wir immer noch. Doch es war die Überzeugung vom Team und wie wir das rübergebracht haben und dass es funktioniert hat, dass die Leute unsere Visionen gesehen haben. Man muss aber auch sagen: Viel davon ist harte Arbeit, schlaflose Nächte und Müdigkeit.
Als nächstes möchte ich über ein paar inhaltlichere Themen sprechen: Was ist das Problem, auf das Sie sich als Landesschulsprecher der AHSen in Wien in dieser Periode fokussieren werden?
Das muss man sich anschauen, in welchem Bereich das Problem liegt. Denn es ist was anderes wenn das Problem im Bildungsbereich an sich liegt als wenn es in der LSV liegt. Ich glaube, um überhaupt was nachhaltig ändern zu können, bräuchte es in erster Linie eine größere Bekanntheit der LSV. Das funktioniert auf der einen Seite mit Kampagnen - Die Idealvorstellung wäre eine Direktwahl bei der alle Schüler_innen die LSV wählen dürften. Aber es geht auch, wenn die LSV transparenz ist. Wenn man sich jetzt als Schüler oder Schülerin, der nicht aktiv Schulsprecher_in ist, kann man kaum was rausfinden sondern muss einen Freund fragen, der in der LSV sitzt. Sonst erfährt man nix. Daher ist auch die Projektampel eine unserer Forderungen. Das würde bedeuten, dass sie ausschreiben muss, was sie eben tut. Gemeinsam mit dem Team zu schauen, dass die LSV transparenter und bekannter wird. Und was die Periode als Bundesvorsitzender angeht: Den öffentlichen Augenmerk auch auf Probleme im Bildungsbereich zu legen. Es wäre schön wenn wir jetzt im Stadium kurz vor einem Bildungsaufbruch wären und nur noch wählen müssten, welches System wir genau wollen. Aber in Österreich ist grad die Stimmung so: “Naja, passt eh alles.” Wir haben auch einen Bildungsminister Polaschek, der nur rumsitzt und wartet. Die Einstellung sollte es nicht sein. Da liegt es auch an JUNOS Schüler_innen, dass wir da Druck machen und Lösungen aufzeigen, wie es gehen kann in einem gerechteren, liberaleren System.
Der Bildungsminister sitzt nicht nur da sondern weihte beispielsweise während des vergangenen österreichischen Schüler_innenparlaments eine riesige 2€-Münze ein.
Ich war letztes Jahr nicht dabei, dieses Jahr aber schon. Dieses Jahr gab es eine Videobotschaft vom Bildungsminister, ich glaub das waren 2 Minuten. Vor Ort waren Bildungssprecher_innen der Parteien und Politiker_innen, die sich die Zeit genommen haben, um ein paar Worte zu sprechen. Ich glaube, dass das auch ein sehr österreichischer Ansatz ist. Kurz was sagen, kurz sagen, wie wichtig alles ist, den Leuten ein schönes Gefühl geben und dann wieder gehen. Da wäre mein persönlicher Tipp an den Bildungsminister, warum er nicht kommt: Ich glaube, es ist ihm nicht so egal. Er weiß aber, wenn er sich in den Raum setzen würde, dass es ordentlich Kritik hageln würde. Ich kann mir vorstellen, dass es da den ein oder anderen sehr harten Angriff geben würde. Das würden dann die Medien angreifen und dann steht in der Heute: “Bildungsminister wird von Schülerinnen und Schülern auseinandergenommen.” Das kann ich ihm auch nicht verübeln. Denn wenn ich den Bildungsminister vor Ort sehen würde, würde ich gerne sagen, was ich von dieser VIsionslosigkeit halte.
Was kann man bei Schulautonomie?
Schulautonomie ist eine sehr, sehr gute Frage. Mit der Schulautonomie kann man extrem viel fördern. Natürlich immer 2 Seiten: Man könnte jetzt Schulen in Österreich oder in Wien sagen, dass sie selbst entscheiden sollen. Denn oft fehlen ihnen die nötigen Ressourcen dafür. Das Ganze ist aber ein Teil von einem größeren System. Die Sichtweite von uns ist die: Schulen brauchen das Zeug, um autonom handeln zu können. Mehr Wissen bei gewissen Themen, um selbst Themen nach Angebot und Nachfrage auszuarbeiten. Eine Schule kann sich selber verbessern, wann auch immer sie möchte. Das Angebot und Nachfrage Ding kann mit einem transparenten Chancen-Index funktionieren. Dass man sieht wie gut gewisse Schulen sind und dass schlechtere Schulen finanziell unterstützt werden. Doch die Schule muss das Geld selber einsetzen. Denn gerade ist das Ding, dass eine Schule ihr Geld sowieso bekommt. Es gibt nämlich null Anreize für eine Schule besser zu werden. Und diese Anreize muss man eben schaffen, um zu fördern, dass Schulen besser werden. Da gehts nach dem Motto: Fördern statt Bestrafen. Quasi, dass man mehr Geld bekommt, wenn man etwas schafft. So ist es auch beim Thema Klimaschutz. Wenn man auf Bestrafung setzt, machen die meisten Schulen nur das absolute Minimum. Wenn man aber die oberen zehn Prozent im Bezug auf Emissionsfreiheit fördert, würden viel mehr Schulen das probieren. Die unteren Schulen würden dann von Expert_innen unterstützt werden, um bei dem Thema aufzuholen.
Dann würde ich gerne ein bisschen über Ihre Zukunft zum Bundesvorsitzenden der JUNOS Schüler_innen zu sprechen kommen: Wie würden Sie sagen, sollte das ideale Schulsystem aussehen? Was kann JUNOS dafür machen?
Es gibt ja den Leitsatz, dass die Schule aufs Leben vorbereiten sollte. Aber das tut sie einfach nicht. Aber die Schule sollte dich nicht nur in dem Sinne aufs Leben vorbereiten, wie du eine Steuererklärung schreibst, sondern sie sollte auf ein freies, mündiges und selbstbestimmtes Leben vorbereiten, dass man später ein_e Bürger_in ist, die/der Entscheidungen treffen kann und von den österreichischen Bildungsinstitutionen das mitbekommen hat, das er oder sie braucht für das was er oder sie möchte. Ein Bildungssystem das nicht auf Gleichmacherei basiert sondern Stärken fördert. Und im Endeffekt hat jede_r Stärken und diese sollte man fördern statt den Rest zu schwächen.
Man kann es sich ungefähr so vorstellen: Man hat ein Zeugnis voller Einser und ist ein absolutes Mathgenie. Doch in Englisch und Französisch hat man leider an Fetzen, wird das Schulsystem einem sagen: “Du, total nett, dass du in Mathe gut bist. Es geht aber gerade um Englisch und Französisch.” Darum sollte man Stärken fördern.
Dann sollten die Mathegenies weniger Englisch- beziehungsweise Französischstunden haben?
Es geht darum, wie das Bildungssystem im gesamten aufgebaut ist. Ein Mathematikgenie würde da nicht beachtet werden, da bräuchte man eine gute Lehrkraft, die einem Förderungsvorschläge anbietet. Aber es ist reines Glück, ob man im Lehrerlotto das Glücklslos gezogen hat.
Was würden Sie, wenn Sie in einem Jahr auf Ihre Zeit als Landesschulsprecher zurückblicken, sagen können, was Sie in Ihrem Jahr gerne erreicht hätten?
Ich würde gerne sagen, dass ich alles für meine Wahlversprechen gegeben habe. Doch ich bin mir nicht sicher, dass ich alle Wahlversprechen einhalten kann. Denn im Wahlkampf haben wir auch nie etwas garantiert außer dass wir uns für bestimmte Anliegen einsetzen werden. Und was ich sagen könnte ist, dass wir einen Unterschied in diesem System zu bilden, eine erste Koalition bilden würden. Denn ich bin mir sicher, dass es bisher noch nie in diesem System eine Koalition gegeben hat. Und wenn sich 2 Organisationen zusammensetzen und gemeinsam Visionen für ein besseres Bildungs- und Vertretungssystem kreieren, kann wirklich was vorangehen. Ich möchte, dass wir auch von unfairen, intransparenten Wahlkämpfen wegkommen. Ich möchte eine Debatte haben, die inhaltlich ist. Inhaltliche Debatten statt Partys und Freundschaften, wie es Schülerunion und AKS leben. Mit Partys bringt man kein Schulsystem weiter.
Vielen Dank fürs Interview!
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