"Die Menschen müssen endlich von ihren Einkommen leben können!" - Interview mit Phillip Wohlgemuth

Phillip Wohlgemuth ist Landtagsabgeordneter und Chef des ÖGB Tirol. Ich konnte mit ihm ein Interview führen.

(C): ÖGB Tirol/Preschern

Wenn man nach mehr Möglichkeiten für Frauen ruft, vergisst man dann nicht nicht binäre, agender, genderqueere, genderfluide, usw.? Wäre es nicht besser alle Geschlechter gleichzustellen und nach Qualifikation zu bezahlen?

Bei Frauen bestehen die aktuellen Herausforderungen vor allem darin, klassische Rollenbilder aufzubrechen, gleiche Arbeit auch gleich zu entlohnen und die „gläserne Decke“ zu durchbrechen.Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, müssen bessere Voraussetzungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen, um Frauen einen Vollzeitjob zu ermöglichen und müssen die Einkommen, die vor allem in frauendominierten Branchen niedrig sind, anheben. Nicht binäre, agender, genderqueere oder genderfluide Personen sind oft mit Diskriminierung am Arbeitsplatz konfrontiert, stoßen auf Ablehnung und Vorurteile. Hier informieren wir beispielsweise über ihre Rechte und natürlich positioniert sich der ÖGB klar gegen jede Form der Diskriminierung! Selbstvsretändlich steht über alldem das Ziel der Gleichberechtigung.

2.       Was sagen Sie zum neuen Bundesvorsitzenden der SPÖ, Andreas Babler?

      Ich darf unserem Vorsitzenden Andreas Babler sehr herzlich zur Wahl gratulieren. Ich hätte ihm  gewünscht, unter anderen Voraussetzungen Vorsitzender dieser stolzen Bewegung zu werden. Er genießt meine volle Loyalität und ich werde gemeinsam mit ihm dafür kämpfen, die Sozialdemokratie wieder aufzurichten, im Sinne der Menschen!

3.       Wie realistisch sehen Sie einen Österreich weiten Mindestlohn? Wo sollte er liegen?

Ein Generalkollektivvertrag, der ein monatliches Mindesteinkommen von 2000 Euro brutto garantiert, ist eine Frage der Gerechtigkeit. So viel sollte eine Vollzeitarbeit mindestens wert sein. Allein in Tirol haben wir 26.000 „working poor“ – also Beschäftigte, die trotz Arbeit arm sind. Die Menschen müssen endlich von ihren Einkommen leben können!

Wie stellen Sie sich vor, dass man, mit Berücksichtigung des gegenwärtigen Systems der Marktwirtschaft, mehr in die Preispolitik eingreift? 

Wenn sich die Menschen trotz Arbeit das Leben nicht mehr leisten können, ist dringender Handlungsbedarf gegeben. Wir haben unsere Hausaufgaben mit guten Lohn- und Gehaltsabschlüssen im Rahmen der Kollektivvertrags-Verhandlungen gemacht. Jetzt ist die Bundesregierung am Zug, endlich die steigenden Preise zu stoppen! Die Teuerung ist hausgemacht: Drei Viertel der österreichischen Inflation ist direkt auf höhere Unternehmensgewinne zurückzuführen! Niemand hat so hohe Inflationszahlen wie wir in Österreich. Verantwortlich dafür sind hauptsächlich drei Bereiche: Wohnen, Lebensmittel und Energie bzw. Treibstoffe. Senken wir endlich die Mehrwertsteuer auf Güter des täglichen Bedarfs, richten wir endlich eine Anti-Teuerungskommission ein, die die Preise genau beobachtet und gegebenenfalls reguliert. Es geht nicht mehr nur um die Ärmsten der Armen, die Teuerung ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und geht bis weit in die Mittelschicht hinein. Wir brauchen jetzt Stabilität und müssen in den Markt eingreifen. Wenn in einem der reichsten Länder der Erde 1,6 Millionen Menschen an der Armutsgrenze leben oder armutsgefährdet sind, dann ist es höchste Zeit, dass sich die Bundesregierung von der Zuschauertribüne aufs Spielfeld begibt!

Desto mehr Geld im Umlauf ist, desto höher ist die Inflation. Wieso sollten dann Arbeiter:innen mehr Lohn bekommen?

Bis dato ist es die Gewerkschaftsbewegung, die mit hervorragenden Abschlüssen bei Kollektivvertragsverhandlungen für den einzigen nachhaltigen Ausgleich der Teuerung sorgt. Mein erklärtes Ziel lautet: ein gutes Leben für alle und eine Zukunft ohne Verliererinnen und Verlierer! Dafür werden wir uns einsetzen, zur Not auf der Straße! Was wir aktuell erleben, ist keine Teuerungswelle, das ist ein Teuerungstsunami! Und ich sage es ungern, aber ich befürchte, diese Teuerung ist gekommen, um zu bleiben. Die Preise steigen zum Teil völlig unverhältnismäßig und die Profitgier einzelner weniger wird immer größer. Während andere die Champagnerkorken knallen lassen, wissen viele Menschen in unserem Land nicht mehr, wie sie ihr Leben finanzieren sollen. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher und der Mittelstand wird immer kleiner. Und deswegen muss es im Herbst für die Arbeitnehmer:innen wieder klingeln – es geht schlicht darum, dass die Menschen ihre Rechnungen begleichen können und nicht in Existenznöte rutschen. Dafür braucht es einen Ausgleich der Teuerung in Form von guten Lohn- und Gehaltsabschlüssen. 

 Viele Lebensmittel sind in Deutschland um über 100% billiger als in Österreich. Die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel ist 20%. Wieso wollen Sie die Steuersenkung auf Lebensmittel? 

Die Preise steigen völlig unverhältnismäßig, die gesamte Gesellschaft spürt die hohen Lebensmittelpreise. Gleichzeitig sind Lebensmittel etwas, auf das man naturgemäß nicht verzichten kann. Wenn der Kühlschrank nicht mehr gefüllt werden kann, Kinder keine ordentlichen Mahlzeiten erhalten, Sozialmärkte boomen, dann muss dringend gehandelt werden. Der Lebensmittelhandel hat kein Interesse entgegenzuwirken, das hat der Gipfel der Bundesregierung gezeigt. Deswegen braucht es eine härtere Gangart. Neben eine Mehrwertsteuersenkung fordern wir daher eine Anti-Teuerungs-Kommission, die die Fälle untersucht und gegebenenfalls jene Unternehmen bestraft, die sich in der Krisensituation bereichern. Wenn das nicht ausreicht, sollen Preise von der Kommission festgesetzt werden können.

7.       Mit dem Strompreisdeckel der Bundesregierung schützt man die Umwelt und das Geldbörserl. Warum wollen Sie einen allgemeinen Energiepreisdeckel?

      Wir haben unsere Hausaufgaben längst gemacht und der Bundesregierung zusammen mit der Arbeiterkammer ein umfassendes Konzept für einen Energiepreisdeckel vorgelegt. Dabei soll ein reduzierter Preis für einen gewissen Grundverbrauch gelten und alles, was darüber hinaus an Energie benötigt wird, zu einem höheren Preis verfügbar sein. Damit würde man gleichzeitig einen Anreiz zum Energiesparen setzen. Kein Haushalt soll mehr als 600 Euro pro Jahr für den Grundverbrauch an Energie zahlen müssen. Wenn man weiß, wie viele Menschen auch jetzt noch vor großen existenziellen Problemen stehen und nicht wissen, wie sie künftig ihre Fixkosten und damit auch die Stromrechnung bezahlen sollen, dann braucht es weitere Maßnahmen wie z.B. einen Sozialfonds, an dem die TIWAG mitfinanzieren soll, um Härtefälle abzufedern. Es braucht aber auch umfassendere Maßnahmen wie ein Wärmepaket – also einen Preisdeckel auf alle Heizformen. Spätestens im Herbst wird das Thema wieder akut. Seinen Wohnraum zu beheizen ist schlichte Notwendigkeit. Ich erwarte mir, dass die Bundesregierung endlich wirkungsvolle, preissenkende Maßnahmen ergreift. Bleiben die verantwortlichen Politiker:innen weiter untätig, werden wir als ÖGB im Herbst ein deutliches Zeichen auf der Straße setzen!

 Wie realistisch sehen Sie eine 32,5 h Woche?

Lebenszeit ist ein wertvolles Gut, da diese nicht vermehrbar ist. Daher ist jeder Teil, den wir gegen Lohn verkaufen, unwiederbringlich. Die Regulierung von Arbeitszeit ist daher nicht nur zum Erhalt der Arbeitskraft und der Gesundheit wichtig: Sie stellt auch sicher, dass Menschen Zeit zum Leben abseits der Arbeit haben. Arbeitszeit braucht daher Grenzen. Die negativen Auswirkungen überlanger Arbeitszeiten sind hinlänglich bekannt und ausgiebig untersucht: Überlange Arbeitszeiten machen krank, erhöhen die Unfallhäufigkeit und führen zu sozialer Isolation. Während viele Arbeitnehmer:innen durch überlange Arbeitszeiten belastet sind, finden andere – insbesondere Frauen – mit ihren Einkommen aus Teilzeitbeschäftigung oder geringfügiger Beschäftigung kein finanzielles Auskommen mehr. Daher ist eine bessere Verteilung der Arbeitszeit notwendig. Um zu verhindern, dass Arbeit körperlich und seelisch krank macht, braucht es eine Verkürzung der effektiven Arbeitszeit, ausreichende Erholungsphasen und eine bessere Vereinbarkeit und Planbarkeit von Berufs- und Privatleben. Eine Arbeitszeitverkürzung – bei vollem Lohn- und Personalausgleich – führt nicht nur zu einer gerechteren Verteilung der Arbeit zwischen Frauen und Männern, sondern wie zahlreiche internationale Beispiele zeigen, auch zu mehr Arbeitszufriedenheit, zu weniger Krankenständen und zu einem Produktivitätszuwachs.

 Vielen Dank fürs Interview!

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