" Der asylkritische Kurs geht zu Lasten der Zukunft." - Interview mit Barbara Nessler
Barbara Nessler ist Nationalrätin der Grünen und Sprecherin für Kinder, Jugend, Familie und Tourismus. Ich konnte mit ihr ein Interview führen.
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| (C): gruene.at |
Ich möchte Sie herzlichst zum Interview begrüßen und
zunächst ein bisschen etwas über Sie als Person erfahren: Was war Ihr bisher
größter Erfolg?
Also mein ganz persönlicher größter Erfolg war jetzt gerade
vor kurzem die Arbeit an einem lange tabuierten Thema, dem Kindesmissbrauch. Mit
dem Teichmeisterfall ist das jetzt sehr hochgepoppt. Es ist aber erschreckend,
dass in fast jeder Klasse ein Kind sitzt, das von sexualisierter Gewalt
betroffen ist, und dass sich Kinder durchschnittlich an 8 Erwachsene wenden
müssen, bis ihnen überhaupt geglaubt wird. Wir haben da einfach extreme Lücken
in Österreich und mir war wichtig, dass man nicht erst handelt, wenn es
passiert ist, mit härteren Strafen, sondern davor schon die Kinder schützt. Das
habe ich monatelang mühsam verhandelt und das geht einem schon sehr nah, wenn
man die Berichte liest, mit Betroffenen spricht und mit Organisationen
zusammenarbeitet.
Warum sind Sie in die Politik gegangen und warum genau zu
den Grünen?
Ich hab mir als Kind noch nicht gedacht, dass ich wenn ich
groß bin, Politikerin werde. Denn damals hielt ich Politik für ein Treffen von
alten, weißen Männern in irgendwelchen Hinterzimmern. Vor 10 Jahren habe ich
eine ganz schwere Krankheit gehabt, eine Sepsis, wo ich auf der Intensivstation
gelegen bin . Ich mir gedacht, dass ich mein Leben verschwendet hätte, wenn es
jetzt enden würde. Denn ich habe nichts gemacht, was einer größeren Gruppe
geholfen hat und irgendwie einen Mehrsinn hat. Dies wollte ich, wenn ich es
überlebe, auch angehen. Als ich wieder gesund geworden bin, habe ich mich
zunächst in einigen Organisationen im Flüchtlingsbereich engagiert und habe
gemerkt, dass man irgendwann an den Punkt kommt, wo die Politik entscheidet. Damit
habe ich beschlossen, mich politisch zu engagieren und Sachen wirklich zum
Besseren zu ändern. Und für mich waren die Grünen am logischsten, weil sie
einfach auch denen eine Stimme geben, die sie nicht wählen können, wie den Kindern
und Tieren.
Wie schaut ein Alltag in der Politik aus?
Sowas wie Alltag gibt es bei uns nicht und das finde ich eigentlich
genau das spannende an der Politik. Mittlerweile können auch 4 Leute in meinem
Terminkalender reinschreiben und daher muss mein Mitarbeiter immer Tetris
spielen, weil ich mindestens einmal in der Woche mit dem Zug zwischen Innsbruck
und Wien pendele. Auch ist jede Woche anders, weil ich lange am
Verhandlungstisch sitze, da meine Bereiche Kinder, Familien, Jugend und
Tourismus zu ÖVP-Ministerien gehören. Am Verhandlungstisch passiert auch die
ganze politische Action, es macht Spaß, wenn man durchs politische Streiten
möglichst viel rausholt. Dann hab ich noch Fernsehauftritte, Interviews und
Treffen mit Organisationen. Auch bin ich in vielen Parteisitzungen, in der
Politik sitzt man leider sehr oft. Darum mag ich auch Termine die irgendwo
außerhalb sind, wie Abendveranstaltungen. Mit al dem wird einem sicher nicht
langweilig.
Dann will ich mit ihnen über ein paar politischere Themen
sprechen: Wie schaut klimaneutraler Tourismus aus?
Grundsätzlich kann man gerade den Wintertourismus an 4
Bereichen messen: Am Flächenverbrauch, unsere enormen Skigebiete bringen ja
einen enormen Flächenfraß mit sich. Das andere ist Energie, beim Thema
Kunstschnee. Derzeit werden 70% der Flächen beschneit, mit der erwärmenden
Klimakrise wird das mehr. Dann haben wir das Thema Verkehr, das durch kürzerer
Nächtigungsdauer steigt. Dem kann man mit längeren Nächtigungsdauern entgegenwirken.
Besonders im Außerfern leiden die Leute unter dem Verkehr, weil sie am Weg nach
Innsbruck vom Stautourismus aufgehalten werden. Daher brauchen wir einen
Tourismus, bei dem die Natur nicht darunter leidet, die Bevölkerung profitiert
und Wertschöpfung im Sinne von Qualität vor Quantität erzielt wird. Daher
brauchen wir für eine bessere Schneelage mehr Klimaschutzmaßnahmen. Klimaschutz
sollte daher mit Wintertourismus zusammenhängen. Daher ist es wichtig, vor
allem im von Wintertourismus abhängigen Tirol die Abhängigkeit zu reduzieren
und neu zu denken.
Der Tourismus hat eine Zukunft, wenn wir ihn jetzt
angehen. Jedoch denken die
Interessensvertretungen im Tourismus altehrwürdig und blockieren oft
Fortschritt. Daher braucht man innovative, neue Köpfe im Tourismus. Dass es
bereits Touristiker*innen gibt, die das elterliche Hotel mit neuen Konzepten
übernommen habe, gibt mir schon Hoffnung.
Wann kommt ein Ticket in Österreich, das mit dem 9€
Ticket in Deutschland vergleichbar ist?
Es ist so, das Klimaticket ist schon relativ gefördert. Es
ist aber auch eine große Errungenschaft, dass man mit einem Ticket in ganz
Österreich fahren kann und zwar nicht nur mit der Bahn sondern auch mit allen
Bussen und allen Straßenbahnen. Das ist gerade für den Tourismus schon nicht
unspannend, wenn man den Inlandstourismus bedenkt. Die Tourismusregionen
könnten dann mit dem Klimaticket so Kombi anbieten. Die Last Miles vom Bahnhof
zum Hotel braucht es Konzepte. Denn es bringt nichts, dass alle mit dem Zug
fahren und dann irgendwo im Nirgendwo stehen. Da braucht es schon intelligente
Konzepte. Aber gerade das Klimaticket kann man für den Inlandstourismus noch
massiv nutzen. Denn es geht nicht nur darum, dass neue Leute zu uns kommen,
sondern auch Leute, die in Österreich leben, auf Urlaub gehen und neue Regionen
entdecken. Denn Österreich ist wirklich wunderschön und da gibt es auch
Regionen, die man noch nicht so kennt. Für das ist das Klimaticket schon super.
Ich finde es auch ganz nett, weil ein Aspekt den man beim Klimaticket vergisst:
Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie eine Fernbeziehung in Niederösterreich
hat und wenn es das Niederösterreich nicht gäbe, sie es sich nicht leisten
könnte. Da habe ich mir gedacht, nett wie das Klimaticket Leute zusammenbringt.
Und das ist schon was Schönes.
Wie kommt man zu mehr Personal im Tourismus? Denn
Migration blockiert ja Österreich bspw. über das Schengen-Veto. Wie kann man
trotzdem Fachkräftemangel entgegenwirken?
Wir haben schön länger im Tourismus Mitarbeitermangel. Was
ich da schon ärgerlich finde ist, dass die ÖVP immer nur Kontingenterhöhung
fördert und Leute aus Drittstatten holt, anstatt die Leute die hier sind und
nicht arbeiten dürfen, arbeiten zu lassen. Der asylkritische Kurs geht leider
zu Lasten der Zukunft. Doch bin ich froh, dass Ukrainer*innen einen
effektiveren Zugang zum Arbeitsmarkt durch das Ausländerbeschäftigungsgesetz bekommen
haben und wir das größte Potential bei Frauen haben, die jedoch nicht arbeiten
gehen können, weil ihnen die Kinderbetreuung fehlt. Daher muss man die
Kinderbetreuung dringend ausbauen, in Tirol hinken wir sogar den
EU-Barcelona-Richtlinien von 2002 hinterher.
Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, dass die Grünen alles
von der ÖVP mittragen würden?
Das stimmt nicht, die ÖVP jammert, dass sie alles mittragen
muss. Gerade die Erfolge, die wir bei Klimaschutz, Sozialpolitik und Tourismus
erreichen konnten, strukturierten einiges um. Ich finde es amüsant, wenn wir
die Koalition stabil halten. Doch die Koalition ist auch mühsam, wenn der Koalitionspartner
unter anderem das Klimaschutzgesetz blockiert. Doch ist die Klimakrise
eigentlich nichts, was den Grünen gehört, sondern ein gemeinsames Anliegen sein
müsste. Denn wir sollten zusammenhalten und die Klimakrise gemeinsam bekämpfen.
Dieser Kampf alleine ist schon mühsam genug, da brauchen wir nicht auch noch
den Kampf gegen andere Parteien zu führen.
Würden Sie die sozialen Medien als Mittel für eine
stärkere Demokratie sehen?
Es geht vor allem um den Umgang mit sozialen Netzwerken und
die Medienkompetenz dahinter. Diese sollte man in den Schulen lehren. Wir haben
zwar bereits die digitale Grundbildung eingeführt, jedoch braucht es auch
Medienkompetenz, weil man sich bewusst sein sollte, dass Aktivitäten auf social
Media auch strafrechtlich relevant sein können. Daher bin ich auch um das Paket
„Hass im Netz“ so froh. Denn man muss sich nicht alles gefallen lassen, man
kann auch Sachen anzeigen und melden. Wir haben es auch geschafft, dass wir
Facebook in die Pflicht nehmen, dass sie handeln müssen. Ganz Europa hat
gelacht und gemeint wir würden dies nicht schaffen. Doch wir schafften es.
Zu guter Letzt möchte ich mit Ihnen über ein paar Themen
sprechen, die besonders Jugendliche betreffen: Was ist das größte Problem der
Jugendlichen? Wie entgegnen Sie dem politisch?
Die Jugendlichen in dem Sinne gibt es sowieso nie, da jede
und jeder anders ist. Aber das größte Problem ist, dass wir leider Politik
machen, die nicht an übermorgen denkt. Die Beschlüsse, die wir heute im
Nationalrat beschließen, ist die Lebensrealität für morgen, für unsere Jugend.
Darum ist es wichtig, dass wir in der Politik vermehrt darauf schauen, was neue
Gesetze für die Jugendlichen bedeuten. Darum wäre es wichtig, wenn wir alle
gemeinsam gegen die Klimakrise was tun. Denn es wird vor allem die jungen
Menschen treffen und wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Es geht um nichts
geringeres als unsere Lebensgrundlage, die Klimakrise überschattet alles.
Was würden Sie Schüler*innen für die Zeit nach der Matura
raten?
Dass sie die Zeit genießen sollen. Denn jetzt haben sie die
Matura geschafft und jetzt ist es wichtig, dass sie es genießen. Man muss nicht
gleich wissen, was man macht. Denn es ist wirklich wahnsinnig schwierig zu
wissen was man im Leben will. Wichtig ist, dass man vielleicht auch, wenn der
Weg unbequem und nicht einfach ist, den Weg trotzdem geht und ehrlich zu sich
selber ist. Dass man nicht immer darauf hört, was andere sagen. Leute reden
sowieso immer, aber das muss einem wurscht sein. Wichtig soll sein, dass man
einfach genießt, dass man jung ist und sich ausprobiert.
Wie würden Sie junge Leute mehr für Politik begeistern?
Ich glaube grundsätzlich wäre wichtig, dass man politische
Bildung in allen Schulstufen hat, gerade auch in der Volksschule. Kinder fragen
nämlich extrem viel. Ich finde es extrem spannend, wenn ich irgendwo bin und
die Kinder wissen, dass ich Politikerin bin. Sie fragen dann nach, was ich
mache und wie Politik funktioniert. Ich finde es wichtig, dass sie wissen, wie
es zustande kommt und wie es funktioniert. Umso früher, umso besser. Und ich
glaube am besten funktioniert es, wenn man Leute begeistert, indem man ihnen
zeigt, wie Politik funktioniert, beispielsweise über Parlamentsführungen, übers
Reden mit Politiker*innen. Umso näher, umso besser. Alles hat mit Politik zu
tun, aber nicht alles mit Parteipolitik. Dass ich wohnen kann, wo ich will,
dass ich lieben kann, wen ich will, dass ich wohnen kann, wo ich will. Das hat
alles mit Politik zu tun, nicht alles mit Parteipolitik, aber es ist alles
politisch.
Vielen Dank fürs Interview!

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