"Alle anderen Parteien wollen den Wählerinnen und Wählern diese Härte der Wahrheit ersparen." - Interview mit Urban Mangold
Urban Mangold ist Stadt- und Bezirksrat und Pressesprecher der ÖDP Bayern. Ich konnte mit ihm im Vorfeld der Landtagswahl für Bayern im Oktober ein Interview führen.
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| (C): urban-mangold.de |
1. Wie kann die ÖDP aus der Gemeinde
heraus ökologisch arbeiten?
Ohne wirksames Handeln der Kommunen können
die großen Aufgaben, vor denen unsere Gesellschaft steht, nicht bewältigt
werden. Das gilt u.a. für die Energie-, Wärme- und Mobilitätswende und auch für
die Krise der Artenvielfalt. In Bayern haben wir inzwischen 410 kommunale ÖDP-Mandate.
Wir sind da ganz gut vernetzt. Politische Initiativen, die sich bewährt haben
werden auch anderorts aufgegriffen. Wir zeigen auch auf, dass die schönen
Programmpapiere der Parlamentsparteien von deren örtlichen Mandatsträgern nicht
besonders verinnerlicht sind. Diese Diskrepanz zwischen Versprechungen und
tatsächlichem Handeln sichtbar zu machen, ist auch eine wichtige Aufgabe der
außerparlamentarischen Opposition
2. Warum sollte man die ÖDP wählen, wenn
es die Grünen gibt?
Wir sind die einzige Partei, die sich dazu bekennt, dass wir
unsere Ansprüche an den Planeten begrenzen, maßvoller konsumieren müssen. Alle
anderen Parteien wollen den Wählerinnen und Wählern diese Härte der Wahrheit
ersparen. Dem muss sich jemand entgegenstellen. Und das ist der Job der ÖDP.
Es wird von Monat zu Monat deutlicher: Die Grünen brauchen ein
ökologisches Korrektiv. So wie es in Bayern zwei Parteien gibt, die so tun als
ob sie um das „Sozial“ in ihrem Parteinamen konkurrieren, so muss es unbedingt
zwei Öko-Parteien geben, die sich tatsächlich in einem positiven Wettbewerb um
die besten ökologischen Weichenstellungen befinden. Außerdem ist die ÖDP die
einzige Partei, die seit ihrer Gründung keine Spenden von Konzernen und
Industrieverbänden annimmt. Nur so ist Unabhängigkeit möglich.
Und schließlich: Ich bin überzeugt davon, dass die Krise der
Pflege und der Kinderbetreuung allein durch öffentliche Einrichtungen nicht zu
bewältigen ist. Die Sorgearbeit in den Familien muss vom Staat finanziell so
anerkannt werden, dass man sich befristet auf die Familienarbeit konzentrieren
kann. Diese Wahlfreiheit gibt es heute faktisch nicht. Denn nur in seltenen
Fällen wird ein Einkommen reichen. Es werden einseitig nur die öffentlichen
Einrichtungen gefördert, weil ein wesentlicher Teil des politischen Spektrums
die Förderung der Familienarbeit für rückständig hält. Da sind wir anderer
Meinung. Wir wollen echte Wahlfreiheit: öffentliche Einrichtungen ja, aber eben
auch Förderung der Familien.
3. Wie will die ÖDP ohne die
parlamentarische Medienpräsenz im Wahlkampf punkten?
Das ist die schwierigste Aufgabe. Wir
müssen immer einen viel größeren, kräftezehrenden Aufwand betreiben, um da
halbwegs mit der Medienpräsenz der Parlamentsparteien konkurrieren zu können.
Wir versuchen den Nachteil auszugleichen, in dem wir unsere langgedienten und
bekannten kommunalen Mandatsträger für eine Kandidatur zum Landtag oder
Bezirkstag gewinnen.
4. Was sind realistische Ziele der ÖDP für
die Landtagswahl abgesehen von einem guten Wahlergebnis?
Wir kämpfen mit großem Einsatz für den
Landtagseinzug. Die Parlamentsparteien zeigen immer wieder, wie schnell eine
Stimme verschenkt sein kann. Die ÖDP im Landtag wäre eine skandalfreie
Erfrischung, die doch von vielen herbeigesehnt wird. Es gibt derzeit so viele
Weichenstellungen. Unsere Botschaft: 5% verändern alles.
Und falls wir es doch nicht schaffen,
wirkt jede Stimme für die ÖDP auch nach der Wahl weiter. Weil die
Parteienfinanzierung auch vom Wahlergebnis abhängt und wir jeden verfügbaren
Euro in die Finanzierung des nächsten Volksbegehrens stecken werden. Wie auch bisher
schon.
5. Was sollte die Regierung in Sachen
Klimaschutz besser machen? Wann sollte laut ÖDP die Klimaneutralität erfolgen?
Das würde den Rahmen dieses Interviews
sprengen. Nur wenige Beispiele: Dass die Grünen das Tempolimit so vorschnell
aufgegeben haben, ist schwer begreifbar. Und die derzeitige Debatte zum
Heizungstausch ist geradezu ein Kommunikationsdebakel. Das hätten wir ganz
anders gemacht. Wenn man beispielsweise für eine Wärmepumpe 50% Förderung
gewährt, zwei Jahre später 45%, weitere zwei Jahre später 40 % und dann 35% und
so weiter, dann würde das einen positiven Wettlauf um die größtmögliche
Förderung auslösen. Jeder möchte so schnell wie möglich umstellen, um in den
Genuss der größten Förderung zu kommen. Die Stimmung wäre dann fundamental
anders als jetzt und würde eine Dynamik pro Wärmewende auslösen. Wir wollen
Klimaneutralität und regionale erneuerbare Energieversorgung bis 2030. Das
erreichen wir nur mit den Menschen.
6. Welche Erfolge hat die ÖDP Bayern in
der Vergangenheit erzielt?
Unsere Volksbegehren waren stets so gut
vorbereitet, dass auch die Juristen des Innenministeriums kein
Zulassungshindernis finden konnte. Erfolgreich waren beispielsweise die
Volksbegehren zur Abschaffung des Bayerischen Senats, der früheren Zweiten
Kammer, die aber nicht demokratisch gewählt wurde. Legendär waren die
Volksbegehren Nichtraucherschutz und „Rettet die Bienen“. Ebenso das Volksbegehren
„Kein neues Atomkraftwerk in Bayern“. Vor knapp 25 Jahren haben wir der CSU per
Volksbegehren abgerungen, die fünf zusätzlichen Standorte, die in Bayern für
ein AKW reserviert waren, zu streichen. Diese Standorte hat Ministerpräsident
Stoiber damals schon während der Zulassungsphase unseres Volksbegehrens
zurückgenommen, weil er diese Auseinandersetzung mit uns scheute. Das ging dann
allerdings so schnell und geräuschlos, dass die meisten Menschen dieses
Volksbegehren inzwischen vergessen haben.
7. Wie positioniert sich die ÖDP im
Bereich der Teuerung? Was sollte man gegen die Teuerung allgemein und den
erhöhten Bierpreis im speziellen machen?
Mit der klaren Botschaft: Viele Preise
werden zurückgehen, wenn wir die Energiewende geschafft haben und 100%
erneuerbar sind. Schon jetzt sind die Preise für PV- und Windstrom unschlagbar
günstiger als für fossilen. Die Energiewende ist die Voraussetzung dafür, dass
sich auch Menschen mit geringerem Einkommen in Zukunft noch eine warme Stube
leisten können und Strom zu erträglichen Preisen erhalten. Die Blockade der
Energiewende durch die CSU führt zu höheren Preisen.
8. Wie kann man den Herrn Söder vom
Fracking abhalten?
Fracking ist Wahnsinn und viel
klimaschädlicher als die bisherige fossile Energiewirtschaft. Wir werden Söders
Wahlkampf mit einem Anti-Fracking-Protest begleiten.
9. Wie sollte Bayern in 5 Jahren aussehen?
Ich hoffe, es ist dann noch bayerisch.
Wenn der reizvolle Wechsel zwischen historisch gewachsenen Orten und einer in
Jahrhunderten entstandenen Kulturlandschaft durch maßlose Zersiedelung nicht
mehr erlebbar ist, dann ist Bayern nicht mehr bayerisch.
Vielen Dank fürs Interview!

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