„Und wenn man beide Seiten sieht, kommt man in der Mitte zusammen und kann in die Zukunft gehen.“ - Interview mit Sabine Scheffknecht
Sabine Scheffknecht ist Klubobfrau der NEOS im Vorarlberger Landtag. Ich konnte mit ihr ein Interview führen.
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| Foto: https://www.neos.eu/organisation/10-jahre-neos/blog/sabine-scheffknecht |
Ich möchte Sie hiermit herzlichst zum Interview begrüßen
und zunächst ein bisschen was über Sie als Person erfahren: Wenn Sie eine
Superkraft wählen würden, die Ihnen im politischen Alltag hilft, was würden Sie
wählen und wieso?
Die Superkraft, die Politiker grundsätzlich
haben sollten, ist das Zuhören. Die habe ich hoffentlich auch. Oft ist man
selbst in seiner eigenen Blase, umso wichtiger ist es, dass man die
Lebensrealitäten vieler unterschiedlicher Menschen wahrnehmen kann. Dieses
Zuhören und Wahrnehmen von unterschiedlichen Lebensrealitäten halte ich für
Politikerinnen und Politiker für ganz wesentlich.
Wenn Sie ein fiktiver Charakter wären, was wären Sie?
Ich glaube, ich bin ganz gut, wie
ich bin, es braucht keine Virtual Reality Figur dazu.
Was würden Sie als Ihren bisher größten Erfolg werten?
Dass Bildung Dank uns NEOS im
Vorarlberger Landtag und bundesweit wieder auf der Agenda steht. Das Thema
Bildung war in den Jahren davor in der politischen Debatte quasi nicht existent.
Wir haben es geschafft, dass es wieder diskutiert wird, auch wenn wir mit den
Ergebnissen noch nicht zufrieden sind. Trotzdem halten wir es für wesentlich,
den jungen Menschen in unserem Land endlich eine klare Stimme zu geben.
Als nächstes würde ich gerne mit Ihnen über ein paar politischere
Themen sprechen: Wie würden Sie, wenn Sie die Macht hätten, das Schulsystem
verändern?
Ich bin eine große Befürworterin
der „gemeinsamen Schule“ und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen geht
es um die Chancengerechtigkeit, zum anderen auch darum, Leistung als etwas
Positives zu sehen. Schule sollte der Ort sein, wo jedes Kind seine Talente
leben darf und in seiner/ihrer Individualität gefördert wird. Die innere
Differenzierung ist dabei wesentlich, damit nicht jedes Kind das Gleiche lernen
muss. Trotzdem halte ich es für notwendig, dass Kinder gewisse Grundkenntnisse erlernen.
Wie schön ist es aber, wenn Kinder in der Volksschule selbst entscheiden
können, ob sie zuerst etwas über Kühe lernen oder doch lieber über Pferde, weil
sie sich für Pferde begeistern. Das gilt nicht nur im Bereich der Biologie, es
geht auch darum, Deutschaufsätze über Themen zu schreiben, die von Interesse
sind. Etwas auszurechnen, anhand von konkreten Beispielen und konkreten Themensetzungen,
das von Nutzen ist. Die Grundkenntnisse braucht es, aber die Spezialisierung
danach, davon bin ich überzeugt, braucht es noch viel mehr. Vor allem in der
Zukunft, wenn es darum geht, wie die nächsten Generationen mit einer sich
stetig verändernden Welt umgehen. Da braucht es die individuellen Stärken und
nicht das Durchschnittlich machen.
Weiters glaube ich, dass es
wesentlich ist, dass Kinder gemeinsam aufwachsen und wir sie nicht schon im
Alter von 10 Jahren trennen. Und dass sie daraus Großes für sich mitnehmen
können: Mit allen Menschen umzugehen, unterschiedliche Charaktere
kennenzulernen, unterschiedliche kulturelle Zugänge zu erfahren und gemeinsam
das Leben positiv zu gestalten.
Ein Vorurteil, das den NEOS oft vorgeworfen wird, ist,
dass sie nur Politik für die Reichen machen würden. Was machen NEOS im Bereich
der Sozialpolitik im Bereich vom unteren bis mittleren Einkommen? Gibt’s da
überhaupt was?
Ja, da gibt es jede Menge. Außerdem
stimmt dieses Vorurteil ganz einfach nicht. Ich komme selbst aus einfachen
Verhältnissen, meine Eltern haben beide nur einen Volksschulabschluss, wie es
für viele Menschen ihrer Generation üblich war. Darum ist mir das Thema Bildung
ein so großes Herzensanliegen. Wir NEOS denken groß von den Menschen. Unser
Grundanspruch ist, dass wir die Menschen unterstützen wollen, aus eigener Kraft
erfolgreich zu sein, ihren Wohlstand zu sichern und weiterzukommen im Leben. Dabei
darf aber nicht vergessen werden, dass es Menschen gibt, die das vielleicht aus
eigener Kraft nicht schaffen. Dort ist es wichtig, dass es Unterstützung gibt.
Im Bereich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzen wir uns
beispielsweise für eine kostenlose Kinderbetreuung samt Rechtsanspruch ab dem
1. Lebensjahr ein. Aber es braucht auch eine unbürokratische, gute soziale Unterstützung
für die Menschen, die es brauchen. Und zwar in Form eines Bürgergeldes, das
alle Sozialleistungen zusammenschließt und die Menschen nicht länger zu Bittstellern
macht. Dass Menschen in Not nicht von A nach B müssen, um zig verschiedene
Anträge auszufüllen, sondern dass sie das, was ihnen zusteht einfach überwiesen
bekommen.
Also
so ein ähnliches Modell, wie es auch in Deutschland gibt?
Ich kann das Konzept gerne
zukommen lassen. Es geht darum, dass das Geld bei den Menschen ankommt, die es
wirklich brauchen. Wenn man sich anschaut, wie jetzt bei der Teuerung mit der
Gießkanne agiert wird, stellt man fest, dass Menschen Zuschüsse bekommen, die
es nicht brauchen, Bedürftige aber zu wenig Unterstützung erhalten. Das darf
nicht mehr passieren.
Sie sind ja Obfrau vom Integrationsausschuss, wie würden
Sie das Integrationssystem in Österreich verändern? Würden Sie Abschiebungen
verbieten?
Ich glaube, dass das Asylrecht
per se gut ist. Was nicht gut ist, ist dass Asylwerbende so lange auf
Ergebnisse warten müssen. So kommt es, dass voll integrierte Personen mit ihren
Kindern, die schon mehrere Jahre da sind, abgeschoben werden. Hier stellt sich
die Frage, ob Kinderrechte wirklich ausreichend gewahrt werden. Das sehe ich
kritisch.
Grundsätzlich halte ich die
Überprüfung der Asylgründe aber für richtig. Es geht darum sicherzustellen,
dass Personen, die verfolgt werden, bei uns Schutz bekommen. Zusätzlich braucht
es subsidiäre Hilfe, also die Möglichkeit, Menschen aus einer Region, in der
Krieg herrscht, unbürokratisch Schutz und Hilfe anzubieten. Das Asylrecht halte
ich für richtig, es muss nur gut umgesetzt und die Menschenrechte, vor allem
auch die Kinderrechte, gewahrt werden.
Wie funktioniert eigentlich ein Kontrollausschuss? Was
sind dort die aktuellen Herausforderungen?
Das hängt vom Thema ab, das
behandelt wird. Ein wesentlicher Part in Kontrollausschüssen sind
beispielsweise die Berichte des Rechnungshofes. Der Rechnungshof prüft, eine
Organisation oder Gemeinde und bringt die Ergebnisse in den Landtag. Dabei gilt
es nicht nur, Missstände zu analysieren, sondern auch Schlüsse für die Zukunft
zu ziehen. Es geht also um Fragen wie: Was müsste auf Landes- und Gemeindeebene
angepasst werden, damit Transparenz und Vieraugenprinzipien besser
funktionieren, oder was gilt es zu verändern, damit eine gewisse Grundkompetenz
im Finanzbereich gegeben ist.
Außerdem werden im Kontrollausschuss auch die Rechnungsabschlüsse des Landes behandelt. Die Regierung legt dabei Rechenschaft über das vergangene Jahr ab. Auch hier gilt für den Kontrollausschuss: Zum einen Kontrolle zu üben und zum anderen das zu tun, was als Controlling bekannt ist - steuernd einzugreifen, damit es in Zukunft besser wird.
Dann kommen wir als nächstes zu ein paar
Entweder-Oder-Fragen:
Rechtsextremismus oder Linksextremismus – Was sehen Sie als gefährlicher an?
Ich sehe beides als gefährlich
an, egal ob rechts oder links. Extremismus in jeder Ausprägung ist schlecht. Wir
NEOS haben uns deshalb bewusst für den Weg Richtung Zukunft – also nach vorne –
entschieden.
Auch liberaler Extremismus? Gibt
es sowas?
Ich glaube, Extremismus kann es
in fast allen Bereichen geben. Wir NEOS sind freiheitsliebende Menschen, das
ist das, was ich persönlich unter Liberalismus verstehe: Groß von anderen
Menschen zu denken. Man darf es nie ins Extreme treiben, sondern muss immer
beide Seiten sehen. Und wenn man beide Seiten sieht, kommt man in der Mitte
zusammen und kann gemeinsam in die Zukunft gehen.
Offene Grenzen oder gezielte Migration mit Fokus auf
Fachkräften?
Wir sehen, dass wir in Österreich
nicht nur einen großen Fachkräftemangel, sondern grundsätzlich einen
Arbeitskräftemangel haben. Nicht mehr wie vor ein paar Jahren noch nur in ein
paar Branchen, sondern grundsätzlich. Wir brauchen qualifizierte Zuwanderung,
dafür muss man die Rot-Weiß-Rot-Card reformieren oder andere Möglichkeiten
schaffen. Innerhalb von Europa halte ich offene Grenzen für eine große
Errungenschaft. An Europas Außengrenzen braucht es aber einen Grenzschutz.
Gezielte Zuwanderung wird aber wesentliche für die Bekämpfung des
Arbeitskräftemangels und damit die Zukunft Europas sein.
Grumpieranüdile oder Wiener Schnitzel?
Wiener Schnitzel.
E-Government oder klassisch, bürokratisch?
Klassisch, bürokratisch
jedenfalls nicht. E-Government kann eine Erleichterung sein, aber es muss
anders umgesetzt werden, als es die Landesregierung zum Teil macht.
E-Government darf nicht bedeuten, dass online ein PDF zur Verfügung gestellt
wird, das dann ausgedruckt und ausgefüllt werden muss, um es dann eingescannt
wieder retour zu schicken. Sinnvoll ist es dann, wenn Daten nicht mehrfach
eingeben werden müssen und die angegebenen Informationen automatisch ins System
eingepflegt werden. Wir NEOS haben dazu mehrfach Anträge gestellt, aber der Weg
ist noch weit.
Bei der klassischen Bürokratie geht
es auch darum, die rechtlichen Gegebenheiten anpassen. Ich habe erst kürzlich
ein Unternehmen gegründet. Was dafür immer noch an Verträgen samt Notariatsakt,
Gewerbeanmeldung, Formularen von Finanzamt bis Krankenkasse notwendig ist, ist
abenteuerlich und gehört dringend ausgemistet.
Zurücktreten für ein besseres Miteinander, wie es bei
Ihnen der Fall war, dass Sie zurücktraten für Claudia Gamon, oder strikte
Karriere?
Ich glaube, dass die Zukunft im
Gemeinsamen liegt. Ich sehe das jetzige Jahrzehnt ganz stark dem Gemeinsamen
gewidmet und dass man nur miteinander erfolgreich sein kann. Es braucht
Menschen, die ihr großes Knowhow zusammentun und gemeinsam eine Zukunft
entwickeln. Für mich ist das keine Entweder-Oder-Frage: Wir brauchen das
Gemeinsame und dürfen trotzdem die Leistung jedes Einzelnen als etwas Positives
wahrnehmen.
Bei uns NEOS ist klar, dass wir
die Funktionszeiten begrenzen. Das halte ich für wesentlich in der Politik.
Wenn man lange in der Politik ist, dann merkt man 2 Dinge: Zum einen, und da
arbeitet unser NEOS-System positiv dagegen, dass viele Politiker auf
Machterhalt aus sind. Wir üben Ämter nur für eine gewisse Zeit aus, so findet keine
Machtkonzentration auf eine Person statt. Der andere Vorteil unseres Systems
ist, dass ständig Wissen weitergegeben werden muss. Wir bemühen uns schon
frühzeitig darum, dass neue Personen dazukommen, denn neue Menschen haben neue
Ideen. Es braucht also beides: Neue Menschen, die neue, Perspektiven in die
Politik bringen und Menschen mit Erfahrungen aus dem politischen Umfeld, die
ihr Wissen weitergeben.
Vielen Dank fürs Interview!

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