"uch wenn die Herausforderungen manchmal unüberwindlich erscheinen, es gibt immer Hoffnung und Unterstützung durch andere." - Interview mit Michael Ludwig
Michael Ludwig ist Wiener Bürgermeister. Ich konnte mit ihm ein Interview führen.
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| Foto: www.spoe.at |
Politischer Paul: Was sind Ihre Maßnahmen gegen die
Inflation allgemein und den erhöhten Bierpreis im Speziellen?
Michael Ludwig: In die Preisgestaltung können wir nicht eingreifen. Was wir aber tun
können, ist, die Menschen zu entlasten. Bestes Beispiel ist der Wiener
Energiebonus. Mehr als 650.000 Wiener Haushalte haben bereits jeweils 200 Euro
bekommen. Auch heuer wird es wieder einen Energiebonus geben. Verlängert wird
auch die Energieunterstützung Plus, mit der bis zu 500 Euro von
Energiekosten-Rückständen übernommen werden. So federn wir die sozialen und
wirtschaftlichen Folgen der hohen Inflation bestmöglich ab.
Politischer Paul: Wie kann man dem Personalmangel
in Österreich jenseits von Zuwanderung entgegenwirken?
Michael Ludwig: Während die geburtenstarken Jahrgänge nun in Pension gehen, kommen
gleichzeitig um ein Drittel weniger Menschen auf den Arbeitsmarkt. Das ist eine
große Herausforderung und viele Branchen spüren bereits den
Arbeitskräftemangel. Um damit fertig zu werden, müssen wir in beste Bildung,
Weiterbildung und Kinderbetreuungsangebote investieren. Zusätzlich braucht es
Maßnahmen im Bereich der Lehre: Wir brauchen Ausbildungsplätze für zukünftige
Facharbeiterinnen und Facharbeiter sowie eine Aufwertung der Lehre an sich. Und
schließlich müssen die Betriebe selbst darauf achten, attraktive Arbeitgeber zu
sein – etwa durch die Ermöglichung flexibler Arbeitszeiten, faire Entlohnung
und Weiterbildungsmöglichkeiten.
Politischer
Paul: Wie wollen Sie die Situation für Arbeitnehmer*innen verbessern?
Michael Ludwig: Die Corona-Krise, aber auch die Teuerung haben in unserer Gesellschaft
für viel Verunsicherung und Polarisierung gesorgt. Deshalb kommt es darauf an,
den sozialen Zusammenhalt zu stärken und alles dafür zu tun, dass das Leben in
Wien leistbar bleibt. Das tun wir – mit dem Kampf gegen die Teuerung und einer
aktiven Arbeitsmarktpolitik. Beispielhaft ist hier das Wiener Ausbildungsgeld,
ein neuartiges Stipendienmodell in der Höhe von 400 Euro monatlich. Das macht
längere Ausbildungen, etwa zur Pflegefachassistenz, oder das Diplom für
Gesundheits- und Krankenpflege auch für Arbeitslose finanziell leistbar.
Politischer Paul: Man hört immer wieder von
Korruption in der Politik. Wie weit geht überhaupt Transparenz? Bis zu
innerparteipolitischen Aufarbeitungsarbeiten?
Michael Ludwig: Gerade im Bereich Transparenz hat die Wiener Fortschrittskoalition schon sehr viel weitergebracht. Nicht umsonst ist Wien erst 2022 zum dritten Mal infolge als transparenteste Stadt Österreichs ausgezeichnet worden. Wir nehmen Transparenz sehr ernst. Das zeigen die Errichtung einer Whistleblower-Plattform sowie die Reform der Untersuchungskommission und des Petitionsrechts.
Politischer
Paul: Wie erreichbar sehen Sie die Klimaziele? Wie stehen Sie zu
Klimaneutralität 2040? Was wollen Sie für Maßnahmen auf den Weg dorthin setzen?
Michael Ludwig: 2022 wurde der Wiener Klimafahrplan in Richtung Klimaneutralität
vorgestellt. Als damals erstes Bundesland in Österreich hatte Wien damit einen
umfassenden Maßnahmenplan, der die Bereiche Klimaschutz und Klimaanpassung
umfasst - mit klaren Zielsetzungen in allen Sektoren, um Wien bis 2040
klimaneutral zu machen. Ein wichtiger Teilbereich ist die Sonnenstrom- Offensive: Bis 2030 soll
die Gesamtleistung der Photovoltaik-Anlagen in Wien von derzeit 50 auf 800 MWp
steigen. Dafür braucht es jährlich neue Photovoltaik-Flächen in der Größe von
100 Fußballfeldern. Und mit dem eigenen Maßnahmenkatalog „Raus aus Gas – Wiener
Wärme Kälte 2040“ sorgen wir dafür, dass fossile Energieträger sind in der
Raumwärme dann Geschichte sind.
Politischer
Paul: Was sind die Wiener Pläne für leistbares Wohnen?
Michael Ludwig: Damit Wohnen in Wien weiter leistbar bleibt, nehmen wir Eingriffe in den
Immobilienmarkt vor. Wir haben die Bauordnung in Wien dahingehend geändert,
dass bei Umwandlungen, also bei Flächen, die neu für den Wohnungsbau
ausgewiesen werden, Zweidrittel aller Wohnungen gefördert sein müssen – und
damit leistbar sind für ganz normale Mieterinnen und Mieter. Damit der Wohnraum nicht knapp wird, sind
über 20.000 Wohnungen in Bau oder Planung. Aber weil die Mieten auf dem freien
Markt im Steigen begriffen sind, braucht es außerdem eine Mietpreisbremse und
eine Mietrechtsreform auf Bundesebene.
Politischer
Paul: Wie sollte die Mobilität der Zukunft aussehen?
Michael
Ludwig: Diese befindet sich bereits in
Umsetzung. Drei Viertel der Wiener*innen sind mit Öffi, Rad oder zu Fuß
unterwegs - der Wiener Modal Split ist europaweit im Spitzenfeld. 2022 hat die
Stadt Wien die größte Offensive in der Geschichte der Stadt gestartet. Die
beeindruckende Bilanz: 17 km neu gebaute Radinfrastruktur allein im
Hauptradverkehrsnetz, dazu kommen weitere 15 km neue Radinfrastruktur im
Bezirksnetz. Dabei wurden erstmals mehr als 26 Mio. Euro in die
Radinfrastruktur investiert, das Budget damit verfünffacht. Parallel wächst das
Wiener U-Bahn-Netz derzeit um insgesamt elf Kilometer und zwölf neue Stationen.
Das bringt CO2-Einsparungen von bis zu 75.000 Tonnen jährlich durch die
mögliche Reduktion des Autoverkehrs. Ein so dichtes und qualitativ hochwertiges
Öffi-Netz um nur einen Euro pro Tag bzw. 365 Euro im Jahr ist schon jetzt
einzigartig. Und darüber hinaus sind Carsharing und alternative Transportmittel
wie Leihfahrrad oder E-Roller immer häufiger an Mobilitätsstationen verfügbar.
Politischer Paul: Wie kann man das Bildungssystem
verbessern? Wie sollte ein ideales Bildungssystem aussehen?
Michael Ludwig: Noch immer wird der Bildungsstatus in Österreich überdurchschnittlich
vererbt. Deshalb sorgen wir dafür, dass jedes Kind unabhängig von Einkommen und
der Herkunft der Eltern Zugang zu bester Bildung hat. Vor etwas mehr als 10
Jahren haben wir als erstes Bundesland den Gratis-Kindergarten eingeführt. Ein
weiterer großer Meilenstein war 2020 die Einführung der Gratis-Ganztagsschule, deren
positive Effekte auch international vielfach belegt sind. Und für die Lehrlinge
bauen wir ein neues Zentralberufsschul-Gebäude in der Seestadt, dass sieben
Berufsschulen unter einem Dach zusammenfassen wird.
Politischer Paul: Was ist das größte Problem für
Jugendliche? Wie entgegnen Sie diesem politisch?
Michael Ludwig: Junge Menschen fühlen sich von der Politik alleingelassen und wenden
sich mitunter ganz ab. Diesen Vertrauensverlust müssen wir wettmachen, indem
wir Politikerinnen und Politker jungen Menschen auf Augenhöge begegnen und ihre
Anliegen ernstnehmen. Wer mich kennt, weiß auch, dass ich das politische und
zivilgesellschaftliche Engagement junger Menschen ganz besonders schätze. In
Wien tun wir sehr viel, um die junge Generation in die Gestaltung ihrer Stadt
einzubeziehen. Ein gutes Beispiel ist die Kinder- und Jugendstrategie der
Stadt. Wir stellen eine Million Euro für Kinder- und Jugendprojekte zur
Verfügung, über deren Auswahl Kinder und Jugendliche mitentscheiden können.
Politischer
Paul: Welchen Rat würden Sie Jugendlichen für die Zeit nach der Matura geben?
Michael Ludwig: An die Zukunft zu glauben. Auch wenn die Herausforderungen manchmal
unüberwindlich erscheinen, es gibt immer Hoffnung und Unterstützung durch
andere. Wir leben in schwierigen Zeiten – aber gerade die jungen Menschen
sollen sich sicher sein: Wir lassen niemanden im Stich, wir arbeiten daran,
dass sich Wien auch künftig positiv entwickelt.
Vielen Dank für das Interview!

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