„Dort sind die Kompetenzen so aufgeteilt, dass jeder gescheit mitredet aber niemand Verantwortung übernehmen will“ – Interview mit Indra Collini
Indra Collini ist Abgeordnete zum Niederösterreichischen Landtag und Landesparteivorsitzende der NEOS Niederösterreich. Ich konnte mit ihr ein Interview führen.
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| Foto: NEOS Niederösterreich |
1.
Zunächst möchte ich Sie herzlichst zum
Interview begrüßen und gerne ein bisschen was über Sie als Person erfahren: Warum
sind Sie politisch für die Niederösterreicher NEOS und nicht die Vorarlberger
ÖVP aktiv?
Eine sehr gute Frage. Ich bin zwar in Vorarlberg geboren,
wohne aber seit 20 Jahren in Niederösterreich und bin hier gemeinsam mit meiner
Familie verwurzelt. Meine beiden Kinder, 16 und 18 Jahre, sind sogar waschechte
Niederösterreicher. So kam ich auch dazu, NEOS gemeinsam mit Matthias Strolz und
anderen aufzubauen.
2.
Was würden Sie als größten Erfolg
bezeichnen?
Das war unser Einzug in den Landtag vor sechs Jahren. Der
ist uns von null weg gelungen. Wir haben damals ohne Ressourcen und Erfahrung
drei Mandate gemacht. Seither wachsen wir beständig auch in den Gemeinden.
3.
Was wären Sie, wenn nicht Politikerin?
Ich wäre dort, wo ich davor war: In der Wirtschaft bzw. im
Bereich der Lebensmittelbranche. Ich würde dann vermutlich neue Produkte, neue
Geschäftsbereiche entwerfen und wäre unternehmerisch tätig. Ich habe bereits
einmal ein Unternehmen aufgebaut und würde vielleicht auch in der Start-Up-Szene
tätig sein. Ich finde auch Social Entrepreneurship und die Frage spannend, wie
man es schafft, mit sozialen Themen in der Wirtschaft erfolgreich zu sein.
4.
Als nächstes möchte ich mit Ihnen über
ein paar politischere Themen sprechen: Wie passt es zusammen, dass Sie seit 2020
Obmann-Stellvertreterin des NEOS-Gemeindevertretervereins in Niederösterreich
sind und gleichzeitig weniger Föderalismus fordern?
Wir haben im Föderalismus eine große Herausforderung: Der
Bund nimmt das Geld ein, die Länder geben es aus. Dass das nicht effizient ist,
zeigen beispielsweise die Bereiche Bildung und Gesundheit. Dort will am Ende
des Tages jeder gescheit mitreden, aber niemand will die Verantwortung
übernehmen.
Aber zurück zum Gemeindevertreterverband: Der GVV ist ein
Verein, der zur Struktur des Landes gehört und dem man beitritt, um die Arbeit
der Gemeinderät:innen zu unterstützen. NEOS selbst haben als einzige Partei im
Land und im Bund keinen eigenen Verein. Das heißt, dass wir jeden Cent unserer
Einnahmen und Ausgaben transparent auflisten. Alle Beträge veröffentlichen wir
auf unserer Transparenzwebseite.
5.
Wie ist es überhaupt in einem Landtag zu
arbeiten, in dem sagen wir mal gegensätzliche Parteien zu dem, was die NEOS
fordern, regieren, und die NEOS ohne Klubstatus selbst keine Anträge stellen
können, sondern mit Parteien zusammenarbeiten, die ebenfalls zu großen Teilen
gegensätzlich zu den Werten von NEOS stehen?
Dass man unterschiedliche Werte und Vorstellungen mitbringt,
liegt in der Natur der Sache. Das gibt es auf allen politischen Ebenen. Der
Idealzustände wäre, dass man in einem lebendigen Diskurs um die besten Lösungen
ringt. Das ist aber nicht der Fall.
Wir können Anträge stellen, sie aber nur mit Unterstützung
in den jeweiligen Ausschuss bringen. Das liegt daran, dass man in
Niederösterreich erst ab vier Abgeordneten ein Klub ist. In Wien oder in
Oberösterreich ist das anders. Da hat man alle Rechte ab Einzug in den Landtag.
Wir NEOS haben aber schon in den letzten fünf Jahren bewiesen, dass wir Themen
setzen und über Medien Druck ausüben können. Und wir suchen abseits der
Ausschüsse natürlich das Gespräch mit anderen Fraktionen.
6.
Ist was die Niederösterreichischen
Nachrichten schreiben wahr? Hat NEOS Niederösterreich den Gemeinderat
Christopher Hager erpresst?
Das ist natürlich Unsinn und eine persönliche Geschichte,
die in den Medien nichts verloren hat. Mir hat es sehr leidgetan, dass wir
Christopher verloren haben, weil er NEOS in Amstetten mit aufgebaut hat.
Insofern haben wir auch versucht, ihn als Gemeinderat zu halten. Allerdings
wurde er von der ÖVP vor den parteipolitischen Karren gespannt. Sie hat
Christopher in etwas hineinrennen lassen, was mir für ihn sehr leidgetan hat.
7.
Ist NEOS eine Partei der Reichen oder was
macht NEOS explizit für die Armen, bei dem sie unterstützt werden?
Ich sehe die Rolle von NEOS darin, das Sprachrohr der
arbeitenden Bevölkerung zu sein. Wir wollen deshalb, dass der Staat ihnen
weniger vom Einkommen wegnimmt. Allerdings müssen wir auch jene unterstützen,
die nicht für sich selbst sorgen können. Ich stehe dazu in einem intensiven
Austausch mit den Sozialmärkten, die gerade in der Corona-Pandemie und durch
die Inflation unter Druck gekommen sind. Wichtig ist mir auch, die Bildung als
Hebel gegen die Armutsbekämpfung zu sehen und dafür zu sorgen, dass alle Kinder
die gleichen Chancen haben. Mit unserer Petition gegen den Strompreiswahnsinn
wollen wir außerdem, dass die Strompreise sinken.
8.
Wie sieht es aus? Wurden Udo Landbauer
und Hannelore Mikl-Leitner illegal gewählt?
Das hat die Geschäftsordnung so zugelassen. Aus meiner Sicht
waren das Taschenspielertricks. Landbauer und Mikl-Leitner haben sich
gegenseitig zur Machtverholfen. Das ist nicht nur schwierig für die Koalition,
sondern auch für die Demokratie. Denn die Landeshauptfrau wurde nur von ihrer
eigenen Partei gewählt. Sie hat sie nicht einmal die Mehrheit des Landtags als
Landeshauptfrau bestätigt. Aus meiner Sicht ist das zu wenig Vertrauen und
keine Basis für die kommenden fünf Jahre.
9.
Wie kann man in Niederösterreich das
Internet verbessern?
Breitbandausbau, Breitbandausbau, Breitbandausbau. Das ist
das große Thema, nicht nur im Flächenbundesland Niederösterreich, sondern in
ganz Österreich. Die niederösterreichische Landesregierung klopft sich beim
Ausbau immer wieder auf die Schulter. In Wahrheit hat dieser Ausbau weder Hand
noch Fuß.
10.
Wieso braucht es einen Rechts- und
Verfassungsausschuss, wenn eine Partei der Landesregierung verfassungsfeindlich
aktiv ist?
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Der Ausschuss
ist der Ort, um Anträge und Materien inhaltlich zu behandeln und Gesetzestexte
zu diskutieren. Die andere Thematik ist eine politische Frage – nämlich
inwieweit die ÖVP bereit ist, sich für die Macht mit einer FPÖ ins Bett zu
legen, wo wir Udo Landbauer mit dem Liederbuch haben oder Personen ungeniert
die Hand zum Hitlergruß heben. Es ist jedenfalls eine moralische Frage, ob man
sich mit so einem Partner ins Bett legt. Mikl-Leitner hat damit jedenfalls die
Rutsche für eine schwarz-blaue Koalition und einem Kanzler Kickl am
Ballhausplatz gelegt.
11.
Als nächstes möchte ich Ihnen ein paar Entweder
Oder-Fragen stellen: Wasser: öffentlich oder privatisiertes Eigentum?
Öffentlich
12.
Umweltschutz: Verbote, die jetzt wirken,
oder Innovationen, die eventuell erst nach 2030 kommen?
Lenkung und Innovation jetzt. Prinzipiell halte ich viel von
positiven Anreizen. Allerdings kann es beim Umweltschutz nicht ganz ohne
Verbote gehen. Und natürlich ist auch die Innovation wichtig. Denn sie ist der
Schüssel in die Zukunft, weil wir als Gesellschaft nicht immer bereit sind auf
alles zu verzichten. Deshalb ist es auch wesentlich, in Forschung und
Entwicklung zu investieren, anstatt rigoros Verbote auszusprechen.
13.
Schnitzelbonus oder Mietendeckel?
Der Schnitzelbonus an sich ist absurd. Die Intention, dass
wir alle einen Dorfwirt haben wollen, kann ich hingegen unterstützen. Denn man
braucht einen Ort, um sich zu treffen. Ich halte es jedoch für entbehrlich,
wenn dafür eine Maßnahme herangezogen wird, die den Italiener und den Griechen
ums Eck niedriger stellt. Auch mit einem Mietpreisdeckel tu ich mir schwer,
weil es sehr in das Eigentumsrecht reingeht. Daher: Weder noch.
14.
E-Auto oder E-Fuel?
E-Auto.
15.
Direktwahl oder weiter so?
Direktwahl.
16.
Was wünschen Sie sich für
Niederösterreich 2028?
Bis ans Ende der Legislaturperiode wünsche ich mir wirklich,
dass jede Familie, die das möchte, einen qualitativ hochwertigen
Gratiskinderbetreuungsplatz mit Rechtsanspruch hat. Außerdem wünsche ich mir
ein wirksames Klimaschutzgesetz und einen Demokratisierungsschub. Gerade in
Niederösterreich gibt es hier noch viel zu tun.
Vielen Dank fürs Interview!

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