"Anstatt das wir heute wirksame Maßnahmen setzen, um die Klimakrise abzufedern, verhängen sich viele noch in Scheindebatten und verschwenden damit wertvolle Zeit." - Interview mit Daniel Zadra
Daniel Zadra ist Landesrat für Umwelt und Klimaschutz, Klimawandelanpassung, Energie, Öffentlicher Verkehr und Radwege, Eisenbahninfrastruktur, Radinfrastruktur, Abfallwirtschaft, Informatik, Maschinenbau und Elektrotechnik in Vorarlberg. Ich konnte mit ihm ein Interview führen.
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| © Land Vorarlberg, Mathis Studio |
Zunächst möchte ich Sie herzlichst zum Interview begrüßen und ein bisschen etwas über Sie als Person erfahren: Wenn Sie ein fiktiver Charakter wären, welcher wären Sie und warum?
Asterix. Er ist ausgleichend, erreicht Vieles mit Grips und Charme. Er unterstützt das gesamte Dorf ohne dabei herrisch aufzutreten.
Wenn Sie eine Superkraft hätten, welche würde es sein und wie würde sie Ihnen in Ihrer Arbeit als Landesrat helfen?
Absorberkräfte wären hilfreich: CO2, Methangas, Umweltgifte. Mit dieser Fähigkeit könnte ich der Klima- und Biodiversitätskrise entscheidend entgegenwirken. Anstatt das wir heute wirksame Maßnahmen setzen, um die Klimakrise abzufedern, verhängen sich viele noch in Scheindebatten und verschwenden damit wertvolle Zeit. Absorberkräfte für Scheindebatten wären also ebenfalls hilfreich.
Bier ist ein wichtiger Teil der österreichischen Kultur. Haben Sie eine Lieblingsbrauerei oder -bier?
Ich trinke gerne gutes Bier – und da sind wir in Vorarlberg nicht zuletzt dank der Qualität unseres Wassers großartig aufgestellt. Ich habe eine Lieblingsmarke, aber ich werde mich hüten, sie hier zu nennen, weil ich mir nicht den Zorn der anderen Brauereien zuziehen möchte. Nur so viel: Sie haben ein ausgezeichnetes Bio-Bier.
Als nächstes möchte ich mit Ihnen über ein paar politische Themen
sprechen:
Wie werden Sie sicherstellen, dass Vorarlberg auf den Klimawandel vorbereitet
ist?
Ich denke, wir müssen hier zwei Bereiche scharf voneinander trennen: Auf der einen Seite versuchen wir alles, um unsere kostbare Natur und damit das Klima und die Menschen zu schützen: Wir isolieren Häuser und treiben die Energiewende raus aus den Fossilen hin zu Sonne, Wasser und Wind, wir beschließen Strategien zum Schutz der Moore und renaturieren Gewässer, wir fördern den öffentlichen Verkehr und den Radverkehr zuungunsten des motorisierten Individualverkehrs, um die CO2-Bilanz zu verbessern, und vieles mehr. Doch all diese Bemühungen werden die Erderhitzung höchstens eindämmen, aber nicht aufhalten. Daher haben wir auf der anderen Seite Strategien zur Anpassung an die veränderten Klimabedingungen entwickelt, nicht zuletzt deshalb, um das Bewusstsein in der Bevölkerung zu schärfen. Auf Landesebene existieren Maßnahmenpläne und Leitfäden, ebenso in den klimafreundlichen e5-Gemeinden. Das Thema wird gemeinsam bearbeitet und vorbereitet – selbstverständlich in Abstimmung mit der Bundesregierung,
Was halten Sie von der Idee, Elektrofahrräder als öffentlichen Verkehrsmittel einzuführen?
Fahrräder sind in vielen Gemeinden bereits Teil der öffentlichen Verkehrsmittel durch Rad-Verleih-Systeme. Gerade für die letzte Meile, also den Weg vom Zug zum Büro oder vom Bus zur Freundin, dienen Fahrräder heute schon als guter Lückenschluss. Diese Systeme wollen wir weiter ausbauen. Ob mit E-Motor oder mit reiner Muskelkraft, ob Lasten- oder Faltrad, ob Kiki oder Trekking Bike: Das Angebot an Fahrrädern hat sich in den letzten Jahren dermaßen diversifiziert, dass es den unterschiedlichsten Bedürfnissen gerecht wird. In Vorarlberg werden heute schon 16 % aller Alltagswege mit dem Fahrrad zurückgelegt, mit diesem Wert sind wir Spitzenreiter in Österreich. Aber wir wollen höher hinaus, deshalb arbeiten wir gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Vorarlberg daran, die Verknüpfung von Rad, Bus und Bahn weiter zu verbessern. Das läuft unter dem Sammelbegriff „Smart Mobility“. Mit den neuen Zügen können nun so viele Räder mitgenommen werden wie nie zuvor.
Was würden Sie tun, wenn ein wichtiger Gesetzesentwurf im Landtag in Konflikt mit Ihren Überzeugungen steht?
Der Landtag ist ein selbstständiges Gremium, das frei über die Gesetze entscheiden kann. Als Landesrat und Bürger akzeptiere und respektiere ich die Entscheidungen dieser demokratisch gewählten Institution, als Landesrat und Vertreter der Exekutive ist es meine Aufgabe auszuführen, was die Legislative – also der Landtag – beschließt
Was sind die größten Herausforderungen, die Sie als Landesrat für Umwelt und Klimaschutz sehen?
Wir stehen einer ganzen Menge von Krisen gleichzeitig gegenüber: Auf der Erde wird es immer heißer, die Lebensräume verändern sich, unzählige Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Das Wasser wird knapp, wir leiden darunter, dass unser Geld immer weniger wert wird, während gleichzeitig die Lebenserhaltungskosten explosionsartig ansteigen. In Europa findet wieder Krieg statt, der unmittelbare Auswirkungen auf unser Land hat, die Pandemie hat das Vertrauen der Menschen in die Demokratie ausgehöhlt, autoritäre, menschenfeindliche Ideen und Gruppierungen erhalten immer mehr Zulauf, wir erleben einen dramatischen Verlust an Öffentlichkeit und kapseln uns in Parallel-Realitäten voneinander ab. Das ist eine lange, aber unvollständige Liste. Die Herausforderung besteht darin, die Krisen nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern als System zu denken und zu bearbeiten und dabei auch den Optimismus nicht zu vergessen.
Was halten Sie von der Idee, eine grüne Wirtschaft in Vorarlberg aufzubauen?
In Vorarlberg gibt es bereits eine ganze Menge Betriebe und Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften, eine positive CO2-Bilanz aufweisen und versuchen, ihre ökonomischen Ziele in Einklang mit Natur und Mensch zu bringen. Insofern verfügen wir bereits über Elemente „grüner“ Wirtschaft, aber wir haben noch nicht genug davon. An der Erhöhung des „grünen“ Anteils an der Wertschöfpung arbeiten wir mit Nachdruck. Früher wurde die PV-Branche belächelt, heute ist sie ein treibender Wirtschaftsfaktor. Sie sind das beste Beispiel, dass man mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben kann.
Welche Rolle spielen Maschinenbau und Elektrotechnik bei der Umstellung auf erneuerbare Energien?
Die Abteilung Maschinenbau und Elektrotechnik ist als Expert:innenabteilung für den Umstieg von elementarer Bedeutung: Sie erstellt Gutachten in den Bereichen Immissionsschutz (Schall, Erschütterungen) und Anlagensicherheit sowie Seilbahn- und Elektrotechnik.
Was halten Sie von der Idee, Bier aus umweltfreundlichen Zutaten wie Hanf oder Algen herzustellen, um den CO2-Fußabdruck der Brauindustrie zu reduzieren?
Es ist bereits jetzt technisch möglich, das bei der Produktion von Bier entstehende CO2 zurückzugewinnen und zu nutzen. Inwiefern Hanf oder Algen den CO2-Fußabdruck reduzieren würden, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bin allerdings beim Bierbrauen technologieoffen.
Fridays For Future hat in den letzten Jahren weltweit viele junge Menschen inspiriert, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Welche konkreten Maßnahmen haben Sie als Landesrat ergriffen, um die Anliegen der Bewegung umzusetzen?
Wir teilen die Anliegen von Fridays for Future und versuchen, wo immer es geht, Mehrheiten zu finden, um diesen Anliegen auch Gehör zu verschaffen und sie in Gesetzesbeschlüsse zu verwandeln. Wir haben nun einmal keinen Planeten B, sondern wir müssen alles unternehmen, um die Klimakrise zu bekämpfen. FFF hat den Vorarlberger Landtag dazu animiert, dem Klimanotstand auszurufen. Mit der Energieautonomie+ arbeiten wir in allen Bereichen daran, die Mobilitäts- und Energiewende umzusetzen.
Zu guter Letzt möchte ich Ihnen ein paar Entweder-Oder-Fragen stellen:
Elektrotechnik: Gleichstrom oder Wechselstrom?
Beides: AC/DC.
Radinfrastruktur: Radweg oder Fahrradstraße?
Der Radschnellweg.
Maschinenbau: Traditionelle oder additive Fertigungstechnik?
Traditionell.
ÖVP oder SPÖ? Mit wem würden Sie nach der nächsten Wahl lieber koalieren?
Derzeit sind wir mit der ÖVP in einer Koalition und arbeiten gut zusammen.

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