"Was wir auf alle Fälle brauchen ist ein regelmäßiger, direkter Austausch zwischen Politik und Jugendlichen, der vermittelt, dass nicht alle Politiker*innen korrupt sind, es Parteien gibt, die Korruption aufdecken und für die jeweils eigenen Anliegen kämpfen." - Interview mit Olga Voglauer
Olga Voglauer ist Nationalrätin und war Spitzenkandidatin für die Grünen bei der Landtagswahl in Kärnten. Heute wurde sie als Generalsekretärin der Grünen vorgestellt. In diesem Zusammenhang konnte ich mit ihr ein Interview führen.
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| Foto: Parlamentsdirektion/Johannes Zinner |
Warum haben Sie sich dazu entschieden in die Politik zu gehen?
Ich bin grundsätzlich ein sehr
politischer Mensch. Zusätzlich bin ich selbst Teil der slowenischen Volksgruppe
in Kärnten. Deswegen hat mich seit meiner Jugend interessiert, wie man sich für
die Rechte der Minderheiten verstärkt einsetzen kann. Das hat mich von Grund
auf politisiert. Später auf der Boku habe ich Landwirtschaft studiert und war
auch stark in der ÖH aktiv. Außerdem hat es weitere gesellschaftspolitische
Anknüpfungspunkt gegeben, um bei den Grünen Fuß zu fassen und mich politisch
für eine progressive Politik einzusetzen.
Was sind Ihre Pläne für 2023 als Politikerin und Privatperson?
Die Pläne sind nach dem
Wahlsonntag ein bisschen durcheinander gekommen. Hättest du mich davor gefragt,
hätte ich gesagt, dass wir wieder stark im Kärntner Landtag vertreten sind. Das
ist sich leider nicht ausgegangen. Aber wir werden weiterhin eine starke Grüne
Stimme in Kärnten sein und neue Formate entwickeln, um auch in der heutigen
Zeit gut mit den Menschen in Austausch zu kommen. Und natürlich arbeite ich als
Nationalrätin auch für die Stärkung auf nationaler Ebene.
Privat hoffe ich, dass ich ein bisschen mehr Zeit für meine Familie haben
werde. Die letzten Monate waren sehr intensiv und meine Kinder, mein Mann und
mein Bauernhof haben sich jedenfalls mehr Aufmerksamkeit verdient als im
letzten halben Jahr.
Warum hat es am Wahlsonntag nicht für die Fünfprozenthürde gereicht?
Wir haben viele Grüne Wählerinnen
und Wähler enttäuscht, weil wir auf Bundesebene der Impfpflicht zugestimmt
haben. Das wirkt in Kärnten sehr stark nach und hat sich negativ auf die politischen
Partizipation ausgewirkt. Andererseits haben wir in Kärnten auch die Situation
gehabt, dass wir in den letzten fünf Jahren nicht im Landtag vertreten waren.
Daraus lernen wir, dass wir über den gesamten Zeitraum stärker an
außerparlamentarischen Leuchtturmprojekten zu arbeiten haben. Der
Strukturaufbau der letzten Jahre war dafür leider nicht genug. Außerdem besteht
ein bundesweiter Trend, dass die Grünen für Dinge verantwortlich gemacht
werden, für die sie nicht verantwortlich sind, sei es der Ukrainekrieg oder die
Teuerung. Das sind Themen, die nicht auf der Landesebene entschieden werden.
Daher wehte auch ein starker Gegenwind. Aber das wichtigste für die Zukunft
wird sein, Menschen wieder zu mobilisieren
Wie kann man Kärnten fit für den Klimaschutz machen? Kann man Kärnten überhaupt noch fit für den Klimaschutz machen?
Leider fehlen die Grünen als
starke, politische Stimme im Landtag. Deswegen gilt es für den Klimaschutz in
Kärnten die Klimaschutzbewegungen zu stärken und sich zu vernetzen. Wir werden
nicht mitentscheiden und auch nicht mitkontrollieren können. Umso schwieriger
wird es sein, ein gutes Klimaschutzgesetz auf Landesebene zu verabschieden.
Trotzdem ist das Klimathema in Kärnten präsent. In der aktuellen Situation, in
der wir mit Teuerung und Inflation zu kämpfen haben, ist diese Krise aber auch
mit vielen Ängsten und Sorgen behaftet. Ich glaube, dass viele Menschen das Thema
etwas zur Seite geschoben haben.
Sehen Sie Social Media als Gefahr oder als Stütze für die Demokratie?
Ich komme aus einer Zeit, in
der es noch keine sozialen Medien gegeben hat, ich bin 1980 geboren und jetzt
42 Jahre alt. Wenn ich sehe, wie sich die Rechtskonservativen und
Rechtsextremen die sozialen Medien zunutze machen und was alles möglich ist,
ist das höchst alarmierend. Allerdings muss unsere Antwort darauf auch eine
kommunikative sein. Wenn ich mir anschaue, wie digital junge Menschen
heutzutage leben, können wir uns dem schlichtweg nicht verschließen. Insofern sehe
ich sozialen Medien und digitale Kommunikationsplattformen als große Chance,
die wir nutzen müssen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen dazu müssen wir
natürlich genau definieren.
Wie kann man Kärnten fit für Digitales und ChatGPT machen?
Es wird spannend, wie ChatGPT
und KI unser gesamtes Leben zukünftig mitbestimmen und beschleunigen werden. Wichtig
für die Digitalisierung in Kärnten wird sein, dass man sie als Werkzeug begreift,
das uns vieles vereinfacht. Klar ist: Wenn man digital nichts zu bieten hat,
verliert man jetzt schon viele Menschen. Also müssen wir nicht nur Verwaltung,
Unternehmensstrukturen usw. digitalisieren, sondern auch Beteiligung an
Entscheidungsprozessen digital ermöglichen. Dafür wird es neue digitale
Plattformen brauchen. Die Rolle der KI in der Politik müssen wir aktiv
mitgestalten, aber grundsätzlich sollten wir sie miteinbauen, um diese
digitalen Möglichkeiten auch für Erleichterungen in unserem Alltag nutzen zu
können, damit uns in Zukunft vielleicht ein bisschen mehr Zeit bleibt zum
Nachdenken und wir die sogenannte Work-Life-Balance fördern können.
Wie kann man die Situation für die Arbeiterschaft in Kärnten verbessern? Wäre hier ein Mindestlohn eine Möglichkeit?
Ganz sicher. Durchschnittlich
verdient man in Kärnten weniger als im Rest von Österreich. Mittlerweile ziehen
die Unternehmen nach, weil wir uns in einem starken Konkurrenzkampf um
Arbeitskräfte befinden. Trotzdem wird es mehr brauchen. Um als Standort
attraktiv zu sein brauchen wir eine Art Lebensgefühl, das Kärnten nicht nur als
schönes Urlaubsland begreift, sondern auch vermittelt, dass man hier Kariere
machen kann. Das hat man in Kärnten bisher nicht geschafft. Politisch ist in
diesem Bereich also noch viel zu machen, um auch progressiv denkende Menschen nach
Kärnten zu ziehen.
Was kann man in Kärnten gegen die Inflation im Allgemeinen und den Bierpreis im Speziellen machen?
Ein Mechanismus, wo die
Teuerung nicht durchgreift, ist das Klimaticket. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs
und vermehrt darauf zu setzen, den Menschen Mobilität ohne eigenes Auto zu
ermöglichen, macht sich sofort im eigenen Geldbörserl bemerkbar. In Kärnten
muss die Taktung allerdings erhöht werden, damit man mit öffentlichen
Verkehrsmitteln einfach und schnell unterwegs sein kann. Eine andere Geschichte
wäre eine Kooperation mit dem Kärntner Netzbetreiber für Energiesicherheit. Die
Energiekosten könnten massiv gesenkt werden, indem man in die Solaroffensive geht.
Wir wissen auch, dass die schaffbar wäre und in drei Jahren einen massiven Einfluss
haben würde. Das betrifft auch den Bierpreis: Wir haben Biersorten, die die Rohstoffe
direkt aus Kärnten beziehen. Es ist also ein Energiethema beim Bierbrauen. Dies
muss man nachhaltig machen. Gösser macht es schon vor.
Gibt es von Ihrer Seite her Kurzstreckenflüge?
Nein, aber als Abgeordnete des
Nationalrates würde man mir meine Spesen für den Flug nach Wien übernehmen. Ich
finde, das gehört gestrichen, ich bin auch noch nie geflogen. Fliegen liegt aber
grundsätzlich nicht in meinem Naturell, weil ich Flugangst habe, insofern bin
ich von mehreren Seiten geschützt. Kurzstreckenflüge innerhalb Österreichs sind
einfach nicht notwendig und sollten auf Dauer abgeschafft werden.
Was ist die Rolle der Kärntner Grünen in der Demokratie und der Gesellschaft?
Wir sind die einzige Stimme
für die Klima- und Energiewende, die dringend einzuläuten ist. Auch für eine
gleichberechtigte Gesellschaftspolitik, eine diverse Gesellschaft. In Kärnten
setzen sich nur die Grünen dafür ein, dieser Gesellschaft eine Stimme zu geben,
und vor allem auch den Jungen eine Stimme zu geben. Das sehe ich als unsere
Aufgabe.
Wie kann man Jugendliche mehr für Politik begeistern? Direktwahl LSV und BSV?
Auf alle Fälle in den Schulen
anfangen. Politische Bildung muss gestärkt werden. Außerdem sollte die Jugend dazu
animiert werden, sich kritisch zu äußern. Das geht schon über LSV und BSV. Doch
zumindest in Kärnten merke ich, dass das immer wieder wellenartig passiert.
Teilweise sind die Schüler:innenorganisationen stärker in der LSV, teilweise
sind sie stärker im Aktivismus und wir brauchen beides. Was wir auf alle Fälle
brauchen ist ein regelmäßiger, direkter Austausch zwischen Politik und
Jugendlichen, der vermittelt, dass nicht alle Politiker*innen korrupt sind, es
Parteien gibt, die Korruption aufdecken und für die jeweils eigenen Anliegen
kämpfen. Das müssen wir wieder schaffen. Denn das Vertrauen haben wir durch
Covid stark verloren.
Was kann man gegen
mentale Probleme tun?
Rausgehen und die
Möglichkeiten stärken, wo junge Menschen sich treffen, miteinander reden und
ein Lebensgefühl dafür entwickeln können, wie toll es ist, etwas miteinander zu
unternehmen. Ich habe so viel junge Menschen im Wahlkampf getroffen, die sich
immer noch schwer tun, einen erweiterten Freundes- oder Bekanntenkreis
aufzubauen. Das aufzuholen, dem auch Zeit zu geben, das müssen wir in der
Politik unterstützen. Außerdem gibt es das Programm "www.gesundausderkrise.at". Dieses
Programm haben wir geschaffen, um Jugendliche, Kinder und ihre Eltern über
Anlaufstellen zu informieren, die rasch helfen können.
Was ist Ihrer
Meinung nach das größte Problem von Jugendlichen?
Wenn dir eine
Perspektive fehlt und die Zuversicht, dass die Zukunft gelingt, dann hast du in
deinem Leben immer eine große, dunkle Wolke über dir. Die Aufgabe von uns
Erwachsenen ist, jungen Menschen soweit es geht diese dunkle Wolke zu nehmen
und Beteiligung zu ermöglichen. Für die Politik heißt es, die Jugendlichen in
Entscheidungsprozessen mitzunehmen, damit sie ein Gespür dafür bekommen was aus
politischen Prozessen wird, wo Raum für Rückfragen und Austausch bleibt und die
Erfolge auch gemeinsam feiert. Das ist ganz wichtig. Wenn wir die Zukunft nur
mehr als Schrecken sehen, dann wird es traurig. Und da müssen wir dagegen
kämpfen. Darum bin ich auch bei den Grünen, weil wir die Lösungen dafür haben
wie man aus der Klimakrise rauskommt und eine gute Zukunft für alle gestaltet.
Vielen Dank für das
Interview!

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