"Seit nunmehr zehn Jahren leben wir sehr entschlossen die Ideale der liberalen Demokratie." - Interview mit Beate Meinl-Reisinger
Beate Meinl-Reisinger ist Bundesparteivorsitzende und Klubobfrau im Parlament bei der Partei "NEOS". Im Vorfeld der Nationalratswahl 2024 konnte ich mit ihr ein Interview führen.
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| © NEOS |
Zuerst würde ich gern ein bisschen
was über Ihre Person erfahren: Warum haben Sie sich entschieden für diese
Partei aktiv zu werden?
Eine Karriere in der österreichischen Innenpolitik
ist nichts, das ich mit Mitte zwanzig als Berufswunsch angestrebt habe. Wie so
oft im Leben ergibt sich manches einfach. Ich hatte als sehr politischer Mensch
aber immer eine Suchspannung zur Politik. Bei der Gründung von NEOS im Jahr
2012 war ich von Anfang an mit dabei. An den Moment, der mich letztlich davon
überzeugt hat wie dringend es eine neue politische Kraft in Österreich braucht,
erinnere ich mich noch genau. Damals bekam ich einen Anruf von einem
ÖVP-Politiker, der erzählte, dass in einem Ministerium ein Posten als
Abteilungsleiterin frei werden würde und er dort „eine von uns“ sitzen haben
wolle. Da wurde mir klar, dass ich nicht in einem Land leben will, in dem die
erste Frage bei der Besetzung eines Postens ist: „Ist das eine von uns?“ Damit
war die Entscheidung für NEOS gefallen.
Was würden Sie als Ihren bisher
größten Erfolg bezeichnen?
Die Mitgründung von NEOS und die Etablierung als
starke, liberale Kraft in Österreich, die dieses Jahr 10 Jahre im
österreichischen Parlament und aktuell in zwei Regierungen vertreten ist.
Politisch bin ich stolz darauf, dass die Themen Bildung, Klima und
Generationengerechtigkeit durch uns stärker in die Debatte gekommen sind. Auch
die Aufdeckung von und der Kampf gegen Korruption ist ein maßgeblicher Erfolg
von uns. Seit nunmehr zehn Jahren leben wir sehr entschlossen die Ideale der
liberalen Demokratie.
Was sind Ihre Pläne für 2023 als
Person und als Politikerin?
In einer Zeit von multiplen Krisen leidet die Zuversicht
und die Sorgen in der Bevölkerung nehmen zu. Krisen müssen aber auch ein
Anlass, wenn nicht sogar eine Chance sein, Dinge zu verändern und Reformen
anzustoßen. Wichtig ist mir, dass wir wieder mit Vertrauen an unserer Zukunft
bauen, im Wissen, dass sie besser wird. Das Jahr 2023 möchte ich daher unter
das Motto Zukunftsfreude stellen. So können wir Österreich zu einer Position
der Stärke führen.
Als nächstes würde ich gerne mit
Ihnen über politische Themen sprechen:
Ihre Partei fordert flächendeckend
Ganztagesschulen einzuführen. Wäre es nicht besser ein System zu fördern, wo
beides, Ganztages- und Halbtagesschule, parallel in einer Schule läuft?
Bildung ist die Startrampe in ein selbstbestimmtes
Leben. Das sagen wir NEOS seit unserer Gründung. Wir wollen durch beste Bildung
gerechte Aufstiegschancen für jedes Kind schaffen - egal, aus welchem
Elternhaus es kommt. Denn der eigene Bildungserfolg hängt in Österreich noch
immer überwiegend von der Bildung der Eltern ab. Wir fordern moderne Lehrformen
und autonome Schulen mit Qualitätssicherung. Die Einführung flächendeckender
Ganztagesschulen bedeutet für uns, dass es endlich echte Wahlfreiheit gibt. An
jedem Schulstandort sollen Eltern und deren Kinder wählen können zwischen
ganztägiger Betreuung mit Sport- und Musikangebot oder einer Halbtagsschule.
Sind die Klimaziele von 1,5° Ihrer
Meinung nach realistisch einzuhalten?
Der Klimawandel ist eine der größten und
drängendsten Bedrohungen unserer Lebensgrundlagen und unseres Wohlstandes. Wir
NEOS nehmen diese politische Verantwortung für Generationengerechtigkeit sehr
ernst und bekennen uns zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens. Für uns steht
außer Frage, dass wir bis 2040 ein klimaneutrales Österreich und spätestens
2050 ein klimaneutrales Europa brauchen. Wir sehen dies als Chance, unser Land
und unseren Kontinent dabei nicht nur lebenswerter zu machen, sondern auch wettbewerbsfähiger
und freier. Aufgrund der schleppenden Fortschritte im internationalen
Klimaschutz ist die Einhaltung des 1,5 Grad Ziels aus unserer Perspektive
leider eher unwahrscheinlich. Nichtsdestotrotz darf Österreich dies nicht zum
Anlass nehmen, die eigenen Ambitionen zurückzuschrauben. Denn auch das 2 Grad
Ziel benötigt deutlich mehr Engagement.
Man hört aus den Medien immer wieder
von Korruption. Was sind ihre konkreten Pläne gegen Korruption?
Seit über zehn Jahren kämpfen wir für saubere
Politik in Österreich. Wir fordern transparente Kriterien bei Postenvergaben
und Ausschreibungsprozesse, die sich an internationale Standards halten. Zudem
braucht es eine Abschaffung des Amtsgeheimnisses. Was Behörden nicht
ausdrücklich veröffentlichen müssen, ist hierzulande nämlich grundsätzlich
geheim. Das muss sich dringend ändern. Außerdem müssen die Ausgaben für
Regierungsinserate drastisch reduziert werden. Auch die Parteienförderung muss
halbiert werden. Österreich gibt pro Wähler:in doppelt so viel aus wie Deutschland.
Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung
nach nun in der Energiekrise zu treffen, dass auch die Teuerung geschwächt
wird?
Im Moment gibt die Regierung sehr viel Geld ohne Maß
und ohne Ziel aus. Viele Menschen und Unternehmen erhalten durch die Hilfen
Gelder, auf die sie gar nicht angewiesen sind. Diese Milliarden an Steuergeld
werden uns aber als Investition für die Zukunft fehlen. Denn wir müssen mit dem
Steuergeld behutsam umgehen und heute in die Zukunft von morgen investieren.
Nur so können wir eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen in Österreich
sicherstellen. Eine Zukunft mit der besten Bildung für alle Kinder in
Österreich und eine Zukunft, in der wir unabhängig von fossilen Energieträgern
sind. Gleichzeitig ist die Energiewende auch für die Sicherheit und
Unabhängigkeit Österreichs zentral. Denn nur wenn wir auf Freiheitsenergien
setzen, können wir tatsächlich unabhängig von Diktatoren und ihren fossilen
Energieträgern werden.
Am Schluss ein paar Themen, die uns
Jugendliche besonders beschäftigen. Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem
für Jugendliche? Wie entgegnen Sie diesem Problem politisch?
Die COVID-Pandemie und die Schließung von Bildungs-
und Betreuungseinrichtungen war für Kinder und Jugendliche eine große
Belastung. Schule ist viel mehr als nur ein Ort, an dem man lernt. Für viele
Kinder und Jugendliche findet ein großer Teil ihrer sozialen Interaktionen an
der Schule statt. Gerade im Ausklang der Corona-Pandemie haben Leistungsdruck
und Zukunftsängste unter Schülerinnen und Schülern deutlich zugenommen. Wir
NEOS sehen daher die Notwendigkeit, den Jugendlichen schon in der Schule das
richtige Werkzeug mitzugeben, damit sie von Anfang an psychische Gesundheit
lernen und auch bei sich selbst erkennen können, wann sie was brauchen.
Zusätzlich fordern wir Supportpersonal, Sozialarbeiter:innen und
Schulpsycholog:innen für unsere Schulen. Die Stärkung des eigenen Ichs,
Persönlichkeitsentwicklung und Resilienz, gepaart mit Kreativität und Empathie.
Auch darauf muss auch in Schulen mehr Augenmerk gelegt werden.
Was ist Ihr Rat für Schüler*innen für
die Zeit nach der Matura?
Den Erfolg zu genießen, stolz zu sein auf die eigene
Leistung und die Unbeschwertheit feiern! Es ist gut, wenn man weiß, was man
will. Wenn nicht, folge Deinem Buch und geh' den nächsten Schritt!
Wie könnte man junge Menschen mehr für
Politik begeistern? Sehen Sie hier eine Direktwahl der
Landesschüler:innenvertretung als realistische Möglichkeit an, dies zu
bewirken?
Eine Ausweitung des Wahlrechts auf alle Schülerinnen
und Schüler ist ein erster Schritt, um Demokratie auch in der Schule direkt
erlebbar zu machen. Junge fühlen sich von der Politik oftmals nicht gehört.
Genau darum ist es höchst an der Zeit, neu über eine angemessene politische
Repräsentanz und Mitbestimmung von Jugendlichen nachzudenken. Es ist wichtig,
dass junge Menschen früh mitbekommen, dass ihre Anliegen gehört und ihre Ideen
geschätzt werden. Aus diesem Grund haben wir NEOS in Wien unter anderem die
sogenannte "Jugendmillion" eingeführt. Damit ermöglichen wir Wiens
Kindern und Jugendlichen über ihre Ideen für Wien zu diskutieren und diese
gemeinsam mit der Stadtregierung und einem Budget von 1 Million Euro auch
umzusetzen.

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