"Meine Asyl- und Migrationspolitischen Vorstellungen bewegen sich auf der Basis des sogenannten „Kaiser-Doskozil-Papiers“ - Interview mit Hans Peter Doskozil
Hans Peter Doskozil ist Landeshauptmann vom Burgenland und hat die Mitgliederbefragung gewonnen. Ich konnte ihm einige Fragen stellen.
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| Foto: https://www.hanspeterdoskozil.at/dosko-ziele/ |
Hiermit möchte
ich Sie herzlichst zum Interview begrüßen und zunächst ein bisschen etwas über
Sie als Person erfahren: Warum haben Sie sich entschlossen, bei der
Mitgliederbefragung zu kandidieren und welche Folgen werden Sie nun aus den
Ergebnissen ziehen?
Mir ist die
Entwicklung unseres Landes enorm wichtig. Nur eine starke Sozialdemokratie, die
im Sinne der Bevölkerung handelt, kann eine schwarz-blaue Koalition verhindern.
Dazu braucht es eine klare inhaltliche Positionierung. Im Burgenland habe ich
mit meinem Team viele Themen umgesetzt, die mir sehr am Herzen liegen: Mindestlohn,
Pflegereformen oder auch Photovoltaikoffensive, um einige zu nennen. Am - vom
Vorstand beschlossenen -Prozedere der Mitgliederbefragung habe ich
festgehalten, nun wird am Parteitag entschieden, wer der nächste
SPÖ-Bundesparteivorsitzende wird.
Wenn Sie eine
Superkraft wählen dürften, die Ihnen im politischen Alltag hilft; was würden
Sie wählen und wieso?
Politik muss den
Menschen dienen und nicht umgekehrt. In diesem Sinne wäre es eine schöne Gabe,
es allen recht machen zu können.
Was würden Sie
als Ihren bisher größten Erfolg bezeichnen und wie sind Sie dorthin gekommen?
Ich werte es als
Erfolg, wenn ich dazu beitragen habe, dass die Bevölkerung gut und sicher leben
kann. Jeder pflegende Angehörige, der finanziell und sozialrechtlich abgesichert
ist, weil wir im Burgenland unser Anstellungsmodell umgesetzt haben, ist eine
Erfolgsgeschichte. Jeder Patient, der wohnortnah und qualitativ hochwertig
medizinische Versorgung erhält, ist mir ein Anliegen. Und jeder und jede Angestellte,
die oder der durch unseren Mindestlohn gut leben kann, ist mir wichtig. Um auch
alle weiteren Pläne umzusetzen, werde ich den eingeschlagenen Weg unbeirrt
fortsetzen, denn nur wer seine Versprechen hält, ist glaubwürdig.
Wie schaut
eigentlich der Alltag als Landeshauptmann aus?
Der Job als
Landeshauptmann ist sehr abwechslungsreich. Mein Arbeitstag startet bereits auf
dem Weg ins Landhaus, da werden schon die ersten Telefonate geführt. Neben
vielen Terminen in meinem Büro in Eisenstadt bin ich auch immer wieder landauf
und landab unterwegs: bei Betriebsbesichtigungen, diversen Veranstaltungen und
Terminen. Die Tage sind voll, aber Freizeit und Ausgleich dürfen nicht fehlen.
Um den Kopf freizubekommen, genieße ich gerne Zeit in der Natur – beim Wandern
oder Radfahren zum Beispiel.
Als nächstes möchte ich mit Ihnen über ein paar politischere Themen sprechen: Ich habe etwas gehört, das mich sehr verwunderte: In Wien, in Tirol, in Niederösterreich, in Salzburg, Vorarlberg und Kärnten ist das Schüler:innenparlament im Landtag. Doch warum findet es im Burgenland im Rathaus von Eisenstadt statt und nicht, wie in ziemlich allen anderen Bundesländern, im Landhaus?
Diesbezüglich
sind wir mit den Landeschülervertreter:innen in Kontakt. Wir haben ja bereits
das Projekt „Jugend im Landtag“, das Schüler:innen regelmäßig die Möglichkeit
gibt, mit Politiker:innen und Partnern aus der Wirtschaft im
Landtagssitzungssaal Themen und Anliegen zu besprechen. Erst beim letzten
persönlichen Gespräch mit Landeschülervertreter:innen wurde mit der
burgenländischen Landtagspräsidentin Verena Dunst abgestimmt, dass im Herbst
dieses Jahres auch im Burgenland ein Schüler:innenparlament im Landtagssitzungssaal
in Eisenstadt stattfinden soll.
Wie kann man
den Neusiedler See schützen und Klimaschutz voranbringen? Warum passiert
derzeit so wenig?
Es passiert im
Burgenland sehr viel, Klimaschutz ist uns im Burgenland ein besonders großes Anliegen!
Wir haben uns zum Ziel gesetzt 2030, also 10 Jahre vor dem Bund und 20 Jahre
vor dem EU-Ziel, klimaneutral und energieunabhängig zu sein. Das ist ein
ambitioniertes Ziel, aber es ist schaffbar. Erst kürzlich haben wir die
Klimastrategie 2030 präsentiert, in der von insgesamt einem Dutzend Expertinnen
und Experten 120 konkrete Einzelmaßnahmen in 9 verschiedenen Handlungsfeldern ausgearbeitet
wurden: Vom Ausbau von erneuerbarer Energie, über die Entwicklung innovativer
Stromspeicherlösungen bis hin zum Ausbau von E-Mobilität. Wir müssen die
Bevölkerung mitnehmen, wenn wir Klimaschutz betreiben wollen, denn die
Klimakrise schreitet rasant voran. Das Burgenland hat überdurchschnittlich
trockene und heiße Sommer hinter sich, das zeigt sich leider auch beim
Wasserstand des Neusiedler Sees. Wie der Neusiedler See aber nachhaltig vor dem
Austrocknen geschützt werden soll, wird gerade von einem Expertenteam und den
verschiedensten Playern erarbeitet. Als erste Maßnahme wurde bereits
vergangenes Jahr Schlamm abgetragen, was Wirkung zeigt. Es braucht aber
dringend die Klimawende, daher ist mir die Klimaneutralität bis 2030 auch so
wichtig.
Was kann man
gegen die Teuerung insbesondere beim Bierpreis machen? Was machen Sie im
Burgenland dagegen?
Wichtig wäre, dass
die Bundesregierung endlich bundesweite Maßnahmen ergreift, um die Inflation zu
stoppen. Im Burgenland haben wir unsere Spielräume genutzt und Maßnahmen gegen
die Teuerung ergriffen - von einem Wärmepreisdeckel über das Einfrieren von
Mieten der gemeinnützigen Bauträger bis hin zu günstigeren Strom- und
Gaspreisen der Burgenland Energie. Das Thema ist ernst. Es gibt Familien, die
sich das Leben nicht mehr leisten können.
Warum gibt es
nur bei den Landesgesellschaften einen Mindestlohn? Ist das nicht
kontraproduktiv für einen Wirtschaftsstandort Burgenland, bei dem das Land
besser als Unternehmen zahlt?
Den Mindestlohn
gibt es in Landesgesellschaften, Landesthermen, den burgenländischen Spitälern
und Pflegeeinrichtungen, sowie in vielen burgenländischen Gemeinden. Auf
private Firmen können wir dadurch Druck erzeugen, so versuchen wir ein Umdenken
herbeizuführen und langfristig ein gerechtes Entlohnungssystem zu schaffen. Leistung
muss sich wieder lohnen! Wenn die Menschen genug verdienen, ist das auch eine
gewisse Motivation. Einige Branchen im Burgenland, wie zum Beispiel die
Rauchfangkehrer, haben unseren Mindestlohn von mittlerweile 2.000 Euro übrigens
auch schon übernommen, was zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Mein
Ziel ist es, dass jeder Mensch von seiner Arbeit gut und sicher leben kann.
Warum sprechen
Sie sich ausschließlich für eine Ampel-Koalition aus? Laut dem Politologen
Pelinka sei das „inhaltlich und strategisch falsch“
Mir geht es in
dieser Frage nicht um eine Strategie, mir ging es immer um die Richtung, in die
sich unser Land bewegt. Daher sehe ich die Ampel-Koalition als inhaltlich
richtig. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, wie ÖVP und FPÖ agieren, und
das hat die österreichische Bevölkerung nicht verdient. Wir brauchen starke
Kräfte, die wieder für die Menschen arbeiten und nicht für sich selbst. Es ist
Zeit für ehrliche Politik und die bekommen wir nur, wenn die SPÖ bei der
nächsten Nationalratswahl stimmenstärkste Partei wird und sich eine Koalition abseits
von ÖVP und FPÖ ausgeht.
Da Sie ständig
eine Ampelregierung unter SPÖ-Führung fordern, wüsste ich gerne, wie Sie Ihren
strikten Migrationskurs mit den Grünen und NEOS gemeinsam durchbringen würden?
Meine Asyl- und
Migrationspolitischen Vorstellungen bewegen sich auf der Basis des sogenannten
„Kaiser-Doskozil-Papiers“, das geltende Beschlusslage der SPÖ ist. Ich sehe da
keinerlei Hindernis für eine Koalition mit den Grünen und NEOS. Und Hand auf´s
Herz: Die Grünen befinden sich derzeit in einer Koalition mit der ÖVP, die
dieses sensible Thema immer nur als parteipolitischen Spielball genutzt hat und
nie an echten Lösungen interessiert war.
Wie würden Sie
die burgenländischen Ergebnisse auf den Bund übertragen? Wo sehen Sie die
stärksten Gruppen, von denen man Wählerstimmen bekommen könnte?
Im Burgenland
haben wir gezeigt, wie man Wahlen gewinnen kann. Dabei geht es in erster Linie
um die Themensetzung. Der Mindestlohn, die Pflegereform, die Sicherstellung der
medizinischen Versorgung, der Kampf gegen die 2-Klassen-Medizin und gegen die
Teuerung sind aktuell von großer Bedeutung. Man muss Handschlagqualität an den
Tag legen und die angekündigten Maßnahmen umsetzen. Wir wollen an unseren Taten
gemessen werden, das ist mein Weg, um das Vertrauen der Bevölkerung wieder zu
gewinnen. Wir halten unsere Versprechen. Die SPÖ hat seit 2017 viele
enttäuschte Wählerinnen und Wähler verloren, diese gilt es wieder zurück zu gewinnen.
In der aktuellen Situation braucht die Bevölkerung eine wählbare Alternative,
die Politik für die Menschen im Land macht und auf die sie sich verlassen kann.
Zu guter Letzt
würde ich Ihnen gerne ein paar Entweder-Oder-Fragen stellen: Mindestlohn oder
Steuererleichterungen?
Das schließt sich
nicht aus. Die Preise sind gestiegen, die Löhne jedoch nicht. Es kann nicht
sein, dass eine Vollzeitarbeitskraft überlegen muss, ob sie einen zweiten oder
dritten Job annehmen muss, weil sie sich das Leben nicht mehr leisten kann. Aus
meiner Sicht ist jedenfalls der Mindestlohn unumgänglich.
Mietendeckel
oder Mietpreisbremse?
Die Menschen
müssen sich das Wohnen leisten können, dazu braucht es bundesweite Maßnahmen. Im
Burgenland haben wir gemeinsam mit den gemeinnützigen Wohnbauträgern einen
Mietpreisdeckel erwirken können. Die Mietpreise wurden dabei auf dem Stand von
Dezember 2022 eingefroren. Die Zeiten sind herausfordernd, Mieten müssen
leistbar sein, das muss Voraussetzung sein.
Festung
Österreich oder offene Grenzen?
Wichtig ist in
dieser Frage, dass wir zwischen Solidarität mit unschuldig Vertriebenen, Asyl
und Migration unterscheiden. Österreich ist auf qualifizierte Arbeitsmigration
angewiesen, denn viele Bereiche würden nicht mehr so funktionieren, wenn wir
unsere Grenzen schließen würden.
Wein oder
Bier?
Obwohl wir im
Burgenland ausgezeichneten Wein haben und mein Büroleiter das wahrscheinlich
nicht gerne hört, bevorzuge ich doch eher ein kühles Bier.
Stadionlied
von Dortmund oder von Bayern?
Sollte das Lied
„You will never walk alone“ gemeint sein, das ja neben Dortmund auch bei
Liverpool und Rapid Wien zu hören ist – und ich bin bekennender Rapid-Fan – ist
die Antwort ganz klar: das Stadionlied von Dortmund. Das Lied lief übrigens
auch beim Einzug meiner Hochzeit, die restlichen Lieder hat meine Frau gewählt.
Wie wollen Sie
die Menschen aus dem Lager von Andreas Babler bei Laune halten und gleichzeitig
FPÖ Wähler gewinnen?
Es geht nicht
darum, jemanden bei Laune zu halten, sondern darum, Inhalte umzusetzen. Ich
stehe zu meinen Themen, damit werden wir viele Menschen abholen, die sich
derzeit nicht gehört fühlen. Es braucht eine starke Sozialdemokratie und ich
bin überzeugt davon, dass wir liefern können.
Vielen Dank
für das Interview!

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