"Ein Spinnenfaden ist stärker als Stahl" - Interview mit Martina Künsberg-Sarre

Martina Künsberg Sarre ist Bildungs- und Wissenschaftssprecherin der NEOS im Nationalrat. Ich konnte mit ihr ein Interview führen.

Parlamentsdirektion/PHOTO SIMONIS

Zunächst möchte ich Sie zum Interview begrüßen und ein bisschen etwas über Sie als Person erfahren?

Ich bin 1976 in Graz geboren und dort mit viel Sport  aufgewachsen.  Schon früh habe ich mich für politische Prozesse interessiert. Nach der Matura habe ich in Wien studiert (Politikwissenschaft, Publizistik, Französisch) und ein Erasmusjahr in Göteborg, Schweden, verbracht. Ich habe im Jugendforschungsbereich, in der Wissenschaftspolitik und in der Organisationsentwicklung gearbeitet. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder.

Diese Tage hört man von der ÖVP immer wieder von Österreich 2030. Doch wie sehen Sie Österreich 2030?

Österreich wird 2030 vor allem dann ein gutes Land zum Leben sein, wenn wir heute in die Zukunft investieren. Das passiert derzeit viel zu wenig. Von der Kleinkindbetreuung und den Kindergärten, über ein veraltetes Schulsystem bis zur Forschung in innovativen Feldern wie der Künstlichen Intelligenz gibt es viele Bereiche, in denen Österreich im internationalen Vergleich hinterherhinkt. Die Beharrungskräfte in der ÖVP sind ein wesentlicher Grund dafür. Das muss sich ändern.

Warum sind Sie in die Politik gegangen und warum genau zu NEOS?

Ich gehöre der Gründungsgruppe von NEOS an. Wir waren 2012 rund 40 Leute, die sich zusammengesetzt und eine neue politische Bewegung gegründet haben. Ich habe mich damals besonders in der Themengruppe Bildung & Wissenschaft stark eingebracht und versucht, meine Erfahrung aus den verschiedenen Bereichen, in denen ich in Österreich und Deutschland gearbeitet habe, einzubringen.

Nach dem Aufkommen des Ibiza-Videos 2019 wurde mir bewusst, dass unser Leitsatz „Politik ist der Ort, wo wir uns ausmachen, wie wir gut miteinander leben“ wichtiger denn je ist und ich habe beschlossen, erstmals zu kandidieren.

Was sind Ihre Lieblingsbücher oder -filme, die Sie inspirieren?

Die Bienenhüterin von Sue Monk Kidd

Die Galerie am Potsdamer Platz (1-3) von Alexandra Cedrino 

Als nächstes möchte ich Ihnen ein paar politische Fragen stellen: Wie stehen Sie mit einem Wort zur aktuellen Digitalisierung der Schulen? Wie möchten Sie dies verbessern?

Zwei Jahrzehnte nach Estland haben wir nun bald den Stand erreicht, dass alle Bundesschulen mit Internet und WLAN versorgt sind. Auch die digitalen Endgeräte für die Schüler:innen sind, zumindest in den ersten drei Klassen der Mittelschule und AHS-Unterstufe, verteilt worden.

Wo wir besser werden müssen, ist die digitale Didaktik. Die Schulbuchaktion ist noch immer darauf ausgelegt, dass gedruckten oder statisch-digitalen Unterrichtsmitteln der Vorzug gegenüber interaktiven Lehr- und Lernsystemen gegeben wird. Ich versuche hier, mit parlamentarischen Anfragen beim Bildungsminister und der Familienministerin Druck zu machen, um raschere Fortschritte zu ermöglichen. Auch in der Lehrer:innen-Fortbildung ist noch viel zu tun. In Estland gibt es an jeder Schule einen „Education Technologist“. Das ist eine eigens ausgebildete Lehrkraft, die andere Lehrer:innen dabei unterstützt, digitale Lösungen pädagogisch sinnvoll im Unterricht anzuwenden. Das fordern wir auch für Österreich.

Wie möchten Sie den Zustand der Schulpsychologie verbessern?

Auch hier zeigt uns ein Blick Richtung Nordosten, wie viel besser es geht. In Finnland ist es selbstverständlich, dass an jeder Schule eine Schulpsychologin oder -psychologe Vollzeit anwesend ist. Bei uns kommt, selbst nach der Aufstockung im Zuge der Corona-Pandemie, ein Psychologe auf 5.000 Schüler:innen. So kann die Schulpsychologie nur Feuerwehr bei schweren Problemen sein. Im finnischen Modell ist sie hingegen Teil eines kontinuierlichen Unterstützungssystems, das viel breiter und früher wirksam wird.

Wie finden Sie die derzeitigen Maturaregeln, dass die, die bisher am meisten mit Homeschooling zu kämpfen hatten, diejenigen sind, die am wenigsten Erleichterungen bekommen?

Die Erleichterungen im Zuge der Corona-Pandemie waren leider nicht immer vom Prinzip der Fairness und Chancengerechtigkeit geleitet. So gab es etwa Erleichterungen für Matura-Kandidat:innen, aber nicht für Kandidat:innen der Studienberechtigungsprüfung. Auch die Unterschiedlichkeiten von Jahrgang zu Jahrgang sind nicht immer plausibel. Grundsätzlich befürworte ich, dass nun wieder Normalität einkehrt und die Sonderregelungen nicht endlos verlängert werden. Doch die Jahresnote sollte man weiterhin mit einbeziehen und dies finde ich gut so.

Wenn Sie einen Punkt im Bildungssystem per Dekret verändern könnten; wo würden Sie an einem System, das bereits im 18. Jahrhundert eingeführt wurde, rütteln?

Wenn das so leicht per Dekret ginge, würde ich die hierarchisch-bürokratische Struktur des Schulsystems abschaffen und durch ein System ersetzen, das von Vertrauen statt Kontrolle, von Autonomie statt Bürokratie und von Wissenschaft statt Ideologie geprägt ist. Ein System, in dem Lehrende und Lernende merken, dass sie wirksam sind und gestalten können.

Wie schätzen Sie die gegenwärtige Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik ein? Wie könnte man ihn verbessern?

Evidenzbasierte, forschungsgeleitete Politik ist in Österreich stark ausbaubar. Allzu oft stehen ideologische Barrieren, vorgeschobene Datenschutzargumente oder komplexe rechtliche Strukturen einer lösungsorientierten Politik und Verwaltung entgegen. Verbesserungspotenzial sehe ich in der Bereitstellung anonymisierter staatlicher Daten für die Forschung bis zu forschungsgeleitetem Policy-Making in allen Ministerien und Landesregierungen. Registerdatenforschung ist in anderen Ländern längst Usus.

Wie kann man die Wissenschaftsskepsis der Gesellschaft vermindern?

Das beginnt bei den Kleinsten. Wir müssen altersgerechte Angebote schaffen, wie Wissenschaft und wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt werden. Wissenschaft hat mit uns allen zu tun. Wir sind tagtäglich von Errungenschaften aus Wissenschaft und Forschung umgeben. Das ist nicht immer allen klar. Das muss sich ändern.

Als nächstes möchte ich Ihnen ein paar lustigere Fragen stellen: Was war das lustigste Erlebnis, das sie jemals während ihrer politischen Arbeit hatten? 

Haben Sie ein besonderes Talent oder eine ungewöhnliche Fähigkeit, die die meisten Menschen nicht kennen?

Es ist kein besonderes Talent, aber eine besonders große Leidenschaft. Ich bin seit einigen Jahren Imkerin und genieße die Zeit bei meinem Bienenstand sehr.

Was ist das skurrilste wissenschaftliche Faktum, das Sie jemals gelernt haben?

Ein Spinnenfaden ist stärker als Stahl.

Zu guter Letzt möchte ich Ihnen ein paar Entweder-Oder-Fragen stellen:

Zentralmatura oder Schulautonomie? Schulautonomie

Chancengerechtigkeit oder Chancengleichheit? Chancengerechtigkeit

Reise zum Mars oder zum tiefsten Punkt des Ozeans? Reise zum Mars

 

Vielen Dank fürs Interview!

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