"Der Kampf gegen den Klimawandel ist kein Sprint, sondern ein Marathon." - Interview mit Leonore Gewessler
Leonore Gewessler ist Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie. Ich konnte mit ihr ein Interview führen.
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| © Cajetan Perwein |
Was würden Sie als
Ihren bisher größten Erfolg bezeichnen?
Es gibt viele Erfolge, und es gibt umgesetzte Projekte, die mir
besonders am Herzen liegen. Dazu gehört zum Beispiel das Klimaticket: Mit ihm
kann jede und jeder um nur 3 Euro am Tag mit jedem Zug, Bus oder jeder
Straßenbahn und U-Bahn ein Jahr lang in Österreich fahren. Noch weniger zahlen
jene, die noch unter 26 Jahre alt sind, nämlich 2,24 Euro am Tag oder 821 im
Jahr.
Ein Erfolg, der mich stolz macht, ist auch die „Raus aus Öl und Gas“-Förderung, mit der sich alle Menschen leisten können, auf erneuerbare Heizformen umzusteigen – für Haushalte mit wenig Geld gibt es eine Förderung bis zu 100 %. Zu den vielen Maßnahmen, die wir gesetzt haben, um die Klimakrise zu bekämpfen, gehört auch der Reparaturbonus: Wir fördern es, wenn Menschen Alltagsgeräte nicht einfach wegwerfen, sondern reparieren lassen. Der Bonus hat viel Zuspruch, er wurde bereits mehr als 450.000 Mal in Anspruch genommen. Das ist gelebte Kreislaufwirtschaft.
Was sind Ihre Pläne
für 2023 als Privatperson und auch als Politikerin?
Das lässt sich fast nicht trennen. Russlands Angriffskrieg auf die
Ukraine stellt Österreich, aber auch ganz Europa, vor riesige
Herausforderungen. Uns wird seit einem Jahr brutal vor Augen geführt wie
abhängig wir von russischen Energieimporten sind. Wie verwundbar unsere
Versorgungswege, Infrastrukturen und Lieferketten sind – und wie erpressbar wir
dadurch sind. Aus dieser Abhängigkeit müssen wir uns mit aller Kraft befreien.
Nur wenn wir aus Sonne, Wind und Wasser in Österreich Energie erzeugen, kann
uns niemand erpressen.
Gleichzeitig erleben wir heuer einmal mehr die Auswirkungen der Klimakrise.
Naturkatastrophen sind auch in Österreich bereits schmerzhafte Realität
geworden, die Wetterextreme werden immer bedrohlicher. Unsere Erde wird von
Jahr zu Jahr wärmer, unsere Felder vertrocknen, und im Winter haben wir oft
keinen Schnee mehr. Da müssen wir dringend einlenken und alles Notwendige tun,
damit wir unsere Natur retten und unseren Planeten nicht zerstören. Das ist die
größte Herausforderung unserer Zeit.
Es braucht hier sehr viele wichtige Maßnahmen um die Klimakrise
wieder in den Griff zu bekommen.
Wir müssen raus aus fossilen Energien und rein in die
Erneuerbaren.
Klimaschutz und die Energiewende sind daher die richtige Antwort
auf die aktuellen Krisen. Um uns aus der Abhängigkeit Russlands zu befreien und
somit unsere Versorgungssicherheit nachhaltig gewährleisten zu können, müssen
wir unsere Energieversorgung selbst in die Hand nehmen. Und das wiederum hilft
dem Klimaschutz.
Das sind meine zentralen Aufgaben als Politikerin – auch
heuer. Ich will die Menschen in unserem Land ehrlich und transparent über die
aktuellen Entwicklungen informieren, darüber offen sprechen, was auf uns alle
zukommt und wie wir Lösungen für die aktuellen und künftigen Probleme finden.
Und privat habe ich mir auch etwas vorgenommen: in all dem
Stress wieder gesünder leben.
Wie schaut eigentlich ein Tag als Politikerin aus?
Allgemein gesagt habe ich als Ministerin einen großen
Aufgabenbereich, ich bin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität,
Innovation und Technologie zuständig. Das sind Bereiche, die eng miteinander
verzahnt sind, in denen ich tagtäglich für eine gute und klimafreundliche
Zukunft arbeite. Mein Alltag als Ministerin ist daher auch sehr vielfältig. Der
Tag beginnt meistens recht früh und die Tage sind voller Termine. Ich arbeite
mit einem engagierten Team aus Expertinnen und Experten zusammen, die
unterschiedliche Themen - etwa Umwelt, Verkehr oder Energie - betreuen. Ohne
mein Team wäre es nicht möglich, so viel im Klimaschutz zu bewegen.
Daneben treffe ich natürlich andere Politikerinnen und
Politiker, etwa EU-Minister:innen, mit denen ich die wichtigen europäischen
Themen bespreche, oder Expertinnen und Experten aus bestimmten Fachgebieten, um
Lösungen zu diskutieren, oder auch Wirtschaftstreibende, Industrie-Kapitän:innen
und natürlich die Sozialpartner:innen, um mit allen Involvierten gemeinsam
Lösungen umsetzen zu können. Daneben gibt es natürlich auch Medientermine mit
Journalist:innen, um auf diesem Weg die Öffentlichkeit über Themen zu
informieren: Das können neue Förderungen für PV-Anlagen sein oder Neuigkeiten über
den Ausbau des Bahnstreckennetzes.
Mein Tagesablauf ist daher sehr dicht. Dass heutzutage
Konferenzen und Meetings auch online stattfinden können, erleichtert meinen
Alltag. In mein Büro ins Ministerium fahre ich am liebsten mit den Öffis oder
mit dem Fahrrad. Zu Terminen außerhalb von Wien nehme ich so gut es geht den
Zug oder andere öffentliche Verkehrsmittel. Dienstreisen ins Ausland versuche
ich so weit als möglich mit der Bahn zu bewältigen.
Wie könnte man KI als
zusätzliche Arbeitskräfte einsetzen? UND Was sind Ihre Pläne zum KI-Standort
Österreich?
Wir haben uns in der Bundesregierung auf eine Strategie für
Künstliche Intelligenz verständigt. Studien belegen, dass KI-Investitionen bis
zu drei Prozent Wirtschaftswachstum bis ins Jahr 2035 bringen können. Wenn man
sorgsam mit KI aus Europa umgeht, die Datenschutzbestimmungen wahrt und
menschenzentriert arbeitet, dann kann KI den Forschungsstandort stärken und
auch neue Arbeitsplätze schaffen. Wichtig dabei ist, Risiken und
Fehlentwicklungen von KI zu vermeiden, sie frühzeitig zu erkennen und zu
beseitigen. Daher setzen wir uns dafür ein, eine Kennzeichnungspflicht von
KI-Systemen auf EU-Ebene voranzutreiben.
Daneben wollen wir den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern
und dementsprechende Förderprogramme stärken. In meinem Ministerium haben wir
außerdem den Förderschwerpunkt „AI for Green“ eingerichtet, um für die
Forschung das Zusammenspiel zwischen KI und Umwelt- sowie Klimathemen zu
stärken. Im schulischen Bereich wurde bereits die „digitale Grundbildung“ als
Pflichtfach eingeführt.
Welche Maßnahmen für
Österreich sehen Sie, zusätzlich zu den bisher gesetzten, als nötig an, um die
Pariser Klimaziele zu erreichen? Wie stehen Sie zu einer Neujustierung der
Klimaneutralität im Zuge des vom Weltklimarat festgesetzten „points of no
return“ 2030? Ist das Erreichen der Pariser Ziele möglich?
Die Klimakrise ist und bleibt die größte Herausforderung
unserer Zeit. Dagegen vorzugehen ist eine globale Aufgabe, die gebündelt die
Anstrengungen aller braucht. Vor acht Jahren hat sich die internationale
Staatengemeinschaft darauf geeinigt, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad
und maximal auf 2 Grad zu begrenzen. Das war ein wichtiger Schritt für den
Klimaschutz. Jetzt ist es auch wichtig, eine Einigung auf europäischer Ebene zu
finden, um Fortschritte zu machen.
In Österreich haben wir bereits eine Aufholjagd zur
Erreichung der Klimaziele gestartet. Wir haben in den vergangenen Jahren
viele Klimaschutzgesetze beschlossen: Von der Einführung des KlimaTickets über
die ökosoziale Steuerreform mit dem Klimabonus bis hin zum Plastikpfand. Vom
Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz über das größte Bahnausbaupaket der Republik bis zum
Reparaturbonus und der Industrietransformation. Die UVPG-Novelle ist
beschlossen und aktuell sind das Energieeffizienzgesetz und das
Erneuerbaren-Wärme-Gesetz im Parlament. All diese Maßnahmen beginnen langsam zu
wirken. Wenn die Anstrengungen in den folgenden Jahren weiter forciert werden,
sind die Ziele erreichbar.
Wir haben uns die Klimaneutralität bis zum Jahr 2040 zum Ziel
gesetzt. Das ist ambitioniert, aber machbar. Bis dahin muss Schritt für Schritt
noch viel passieren. Der Kampf gegen den Klimawandel ist kein Sprint, sondern
ein Marathon.
Die deutsche
Bundesregierung hat vergangenen Sommer monatliche Tickets für Regionalbahnen
für den Preis von 9€ ausgegeben, mit denen man durchs ganze Land reisen konnte.
Dies war besonders unterstützend für die Jugendlichen in Deutschland. Das
vergleichsbare Klimaticket hier in Österreich hingegen kostet um die 68€ für
Jugendliche pro Monat. Gibt es realistische Möglichkeiten für ein
vergleichbares Ticket mit dem deutschen 9€-Ticket hier in Österreich
einzuführen und damit Jugendliche im Bereich der Mobilität zu entlasten?
Österreichs
Maßnahmen im Mobilitätssektor sind vielfältig: Vom Ausbau der Bahn über die
Förderung von E-Mobilität bis hin zu besserem Radverkehr. Das Klimaticket ist
ein Teil davon, und ein sehr beliebter: Es ermöglicht Erwachsenen um 3 Euro am
Tag durch ganz Österreich zu fahren – egal ob mit der Bahn, Bus oder Bim. Für
Unter-26-Jährige oder Senioren ist es auf 821 Euro im Jahr verbilligt, das sind
2,24 Euro am Tag.
Im Unterschied
zur Ticketaktion in Deutschland, die auf Regional- und Nahverkehr beschränkt
war, kann ich mit dem Klimaticket in Österreich wirklich jedes öffentliche
Verkehrsmittel, also auch den Railjet verwenden. Ich begrüße es, wenn in Nachbarländern
Aktionen – etwa vergünstigte Bahnkarten - umgesetzt werden. Eine echte
Mobilitätswende kann aber nur mit dauerhaft guter Leistung bei Angebot an
Zugverbindungen, günstigen Tarifen und leistungsfähiger Infrastruktur gelingen.
Wann wird die
Verstaatlichung der OMV, wie im IPCC empfohlen, umgesetzt?
Die OMV ist eine Aktiengesellschaft, die Republik Österreich
hält über die Staatsholding ÖBAG rund 30 Prozent an der OMV. Es gibt aber auch
andere Eigentümer und das Aktienrecht. Mein Ministerium ist für Energiefragen
zuständig, nicht aber für die staatliche Eigentümerschaft der OMV, da ist das
Finanzministerium (BMF) verantwortlich.
Wäre nicht besser
statt einen Deckel auf den Kochtopf zu propagieren, einen Gas- und
Strompreisdeckel einzuführen?
Die hohen Strom- und Gaspreise, eine direkte Auswirkung des
russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, belasten die Menschen in Österreich.
Deswegen unterstützen wir sie auch. Wir haben uns für die Stromkostenbremse
entschieden, die direkt in den Haushalten, bei den Menschen ankommt. Sie ist
für 80 Prozent des Durchschnittverbrauchs eines Haushalts wirksam und dämpft
den Kostenanstieg massiv. Erst ab einem Verbrauch von mehr als 2.900 kWh muss
der Markpreis bezahlt werden. Dadurch wird auch ein Anreiz zum Stromsparen
gesetzt. Die Strompreisbremse entlastet einen Haushalt um durchschnittlich 500
Euro im Jahr, sie ist wirksam auf den Stromrechnungen seit 1. Dezember und gilt
bis 31.12.2023. Wir stellen als Bundesregierung dafür rund 2,5 Milliarden Euro
bereit. Zusätzliche Unterstützungen gibt es für Haushalte, in denen mehr als
drei Personen leben, außerdem gibt es auch Heizkostenzuschüsse seitens der
Bundesländer.
Wie kam es zu der
Idee mit dem Deckel auf den Topf als Energiesparmaßnahme?
Jede und jeder einzelne Mensch im Land kann dazu beitragen,
Energie zu sparen. Akut notwendig geworden ist das Energiesparen durch Russlands
Angriffskrieg auf die Ukraine, was nicht nur Österreich sondern ganz Europa vor
riesige Herausforderungen stellt. Expert:innen sagen, dass schon mit
vielen, kleinen Maßnahmen ganz ohne Investitionen Einspar-Potenziale von bis zu
11 Prozent möglich sind. Das zeigen nun, nach den ersten Wintermonaten, auch die
Zahlen der Energieversorger: Der Energieverbrauch ist gesunken, so wurde etwa
in Wien beim Gas von Oktober bis Jänner um rund 18 Prozent weniger verbraucht
als in den Vorjahren.
Beim Sparen geht es oft um ganz einfache Dinge, etwa darum, die
Heizung etwas runter zu drehen, oder darum die Geschwindigkeit beim Autofahren
zu verringern und – ja – auch darum, mit Hausverstand zu kochen, also den
Deckel auf den Topf zu gehen, um weniger Energie zu verbrauchen.
Warum kauft
Österreich weiterhin Gas aus Russland?
Im von der Energieagentur berechneten
Ausstiegsplan aus russischem Erdgas ist vorgesehen, dass Österreich bis zum
Jahr 2027 unabhängig von russischem Gas werden kann. Diese Entwicklung ist im
vergangenen Jahr schneller vorangeschritten als erwartet. Das Ziel ist also
jedenfalls erreichbar, und wir setzen alles daran, es zu erreichen.
Im Zuge der Energiekrise konnte
Österreich durch umfassende Bemühungen der Regierung die Abhängigkeit von
russischen Gaslieferungen signifikant reduzieren. Innerhalb weniger Monate sank
der jahrelange Durchschnitt von 80 Prozent russischem Gas auf einen Tiefstwert
von bis zu 21 Prozent im September. Von März bis Dezember 2022 lag der Anteil
der russischen Pipelinelieferungen an den österreichischen Gasimporten bei 53
%. Das liegt an den umfassenden Maßnahmen, die wir gesetzt haben um die
Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Gleichzeitig schwankt der Anteil von
russischem Gas monatlich sehr. Das liegt an den sich ständig verändernden
Rahmenbedingungen. Im Dezember 2022 ist der prozentuale Anteil russischen Gases
an den Gesamtimportmengen zwischenzeitlich wieder auf 71% Prozent gestiegen, im
Jänner waren es dann nur 47%.
Insgesamt ist die Abhängigkeit von
russischem Erdgas deutlich gesunken. Das Gas in den Speichern stammt zu einem
geringeren Teil aus Russland als in den vergangenen Jahren.
Am Schluss ein paar
Themen, die uns Jugendliche besonders interessieren: Was ist aus Ihrer Sicht
das größte Problem von Jugendlichen? Wie entgegnen Sie dem politisch?
Klimaschutz geht uns alle an, aber besonders Jugendliche:
Ich setze mich politisch dafür ein, dass ihr, wenn ihr einmal so alt seid wie
ich, noch ein gutes Leben in einer intakten Natur habt. Es ist unglaublich
wichtig, dass sich Jugendliche um die Zukunft unseres Planeten sorgen. Ihr
könnt einen Unterschied
machen. Eine schöne, lebenswerte und klimafreundliche Zukunft ist mit euch
möglich. Daher möchte ich mich bei all jenen bedanken, die sich engagieren, die
nicht lockerlassen. Euer Beitrag ist für einen erfolgreichen Weg in eine gute
Zukunft von immenser Bedeutung. Mitgestalten und aktiv werden ist wichtig. Denn
eines ist ganz klar: Klimaschutz gelingt uns nur gemeinsam. Das gilt für uns in
Österreich, in Europa und in der Welt. Mit der Klimaneutralität bis 2040 haben
wir als Bundesregierung ein klares und ambitioniertes Ziel vor Augen. Dieses
Ziel können wir aber nur erreichen, wenn wir über Generationen hinweg
zusammenarbeiten.
Welchen Rat würden
Sie Schüler*innen für die Zeit nach der Matura mitgeben?
Ich möchte niemandem sagen, was sie oder er tun soll. Ich
denke es geht darum, die eigenen Talente zu erkennen, die eigenen Stärken oder
Interessen zu entdecken. Ich finde es auch schön, Leidenschaft zu haben für das
was man tut. Es zieht einen dann oft in eine gute Richtung. Egal ob das in
einer Lehre ist oder im Studium. Jedenfalls: traut euch!
Wie kann man Ihrer
Meinung nach junge Menschen mehr für Politik begeistern? Wäre hier eine
Direktwahl der LSV und BSV ein Schritt in die Richtung?
Ich erlebe viele junge Menschen, die sich für Politik beziehungsweise
für all jene Dinge, die uns gesellschaftlich umgeben, begeistern. Denn Politik
ist viel mehr als nur das Politiker:innen-Dasein, es ist die Gestaltung der
Gesellschaft, das Engagement in der Gesellschaft, in der wir aufwachsen.
Persönlich ist mir beim Austausch mit jungen Menschen das Zuhören wichtig und ich
sage ganz oft: bitte engagiert euch, bleibt dran! Denn es ist klar, die jungen
Menschen sind die Zukunft! Demokratische Prozesse in Schüler:innenparlamenten
sollten für mich vor allem eines sein: fair. Wie diese Fairness ausgestaltet
ist, könnt ihr sicher am besten selbst diskutieren und klären.
Vielen Dank für das Interview!

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