Interview mit René Zumtobel

© Land Tirol/die Fotografen


 René Zumtobel ist Landesrat für Umwelt- und Naturschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit, europäische Verkehrspolitik, öffentliche Mobilität, Abfallrecht und Abfallwirtschaft. Ich konnte mit ihm ein Interview führen.

Zuerst einmal will ich Sie zum Interview begrüßen und ein bisschen was über Ihre Person erfahren: Was war Ihr bisher größter Erfolg?

Das kommt wohl darauf an, was man als Erfolg bezeichnet. Ich bin ja ein absoluter Familienmensch und deshalb sehr stolz auf meine beiden Kinder und meine Familie. Beruflich habe ich mich über jede Station in meiner Karriere gefreut und alle Aufgaben immer mit viel Herzblut angepackt. Ob das ein Erfolg ist, weiß ich nicht, meine bisherigen beruflichen Stationen haben mir jedenfalls immer viel Freude gemacht. Genauso bin ich auch in meine neue Funktion als Landesrat gestartet.

Was sind Ihre Pläne für 2023 als Privatperson und auch als Politiker?

In der Tiroler Landesregierung bin ich für viele sehr aktuelle und wichtige Themen verantwortlich – sowohl bei Verkehr und Mobilität, als auch in den Bereichen Umwelt-, Natur- und Klimaschutz gibt es sehr viel zu tun und oftmals drängt die Zeit. Bei all den politischen Diskussionen und großen Herausforderungen ist es mir immer wichtig, konkrete Schritte zu setzen, die bei den Menschen ankommen. Das klappt nur mit einer guten Gesprächskultur, einem respektvollem Umgang miteinander sowie viel Engagement. Bei den vielen Terminen in ganz Tirol ist es mir wichtig, gerade an den Wochenenden Zeit mit meiner Familie zu haben, aus der ich dann die Kraft für die nächste Arbeitswoche schöpfen kann.

Wie schaut eigentlich ein Tag als Politiker aus?

Ich bin spätestens um 8 Uhr im Büro im Landhaus in Innsbruck und beginne den Tag mit einer Besprechung mit meinem Team. Wir gehen die Termine des Tages durch und verteilen die zu erledigenden Aufgaben.

Die meisten meiner Tage sind gefüllt mit Terminen und Telefonaten mit unterschiedlichen Interessensvertreter:innen, anderen Politiker:innen und Mitarbeiter:innen aus den unterschiedlichen Fachabteilungen des Landes und natürlich auch Bürger:innen, die mit ihren Anliegen und Vorschlägen zu mir kommen. Am Abend stehen dann oft noch offizielle Anlässe an, zu denen ich eingeladen werde. 

Als nächstes möchten wir gerne mit Ihnen über ein paar politische Themen sprechen:

Die deutsche Bundesregierung hat vergangenen Sommer monatliche Tickets für Regionalbahnen für den Preis von 9€ ausgegeben, mit denen man durchs ganze Land reisen konnte. Dies war besonders unterstützend für die Jugendlichen in Deutschland. Das vergleichsbare Klimaticket hier in Österreich hingegen kostet um die 68€ für Jugendliche pro Monat. Gibt es realistische Möglichkeiten für ein vergleichbares Ticket mit dem deutschen 9€-Ticket hier in Österreich einzuführen und damit Jugendliche im Bereich der Mobilität zu entlasten?

Ich bin davon überzeugt, dass der Preis im öffentlichen Verkehr nur eine von drei wesentlichen Stellschrauben ist, um noch mehr Menschen zum Öffifahren zu bewegen. Die Aktion in Deutschland hat auch nicht nur Positives gebracht: Der Ansturm war riesig, die Verkehrsmittel, insbesondere die Züge und auch der Takt, war nicht dafür ausgelegt. Tirol hat in den vergangenen Jahren massiv in den öffentlichen Verkehr investiert und damit viele neue Fahrgäste gewonnen. Schüler:innen und Lehrlinge erhalten ja das günstige Schulticket um knapp 20 Euro pro Schuljahr für den Weg zur Schule, aber auch für ganz Tirol gibt es mit dem Schulticket Tirol um 99 Euro und dem U26-Ticket, das heuer nur 238 Euro kostet, meiner Meinung nach ein tolles Angebot. Noch vor ein paar Jahren zahlte man zum Beispiel als Studierende:r mehrere hundert Euro pro Semester und das nur für die Strecke zwischen Wohnort und Uni. Ich finde also, dass wir hier auf einem guten Weg sind. Ich finde auch den Preis für das von Ihnen angesprochene ÖBB-Sommerticket durchaus attraktiv. Wichtig ist neben dem Preis aber auch der Angebotsausbau, denn nur günstige Tickets aber keine interessanten Bus- und Zugverbindungen, das ist zu wenig.

Da Sie Landesrat für Umwelt- und Naturschutz sind, würde ich gerne von Ihnen wissen, wie Sie den Tourismus der Zukunft sehen.

Das ist ein überaus spannendes Thema. Ich bin zwar nicht für Tourismus zuständig, allerdings für Verkehr und Mobilität und, wie Sie richtig erwähnt haben, auch für Natur-, Umwelt- und Klimaschutz, die dabei immer eine wesentliche Rolle spielen. Bei der Anreise von Gästen sowie bei der Art, wie sie im Urlaub bei uns mobil sind, braucht es Verbesserungen, da bin ich mir sicher. Rund 80 bis 90 Prozent der Urlaubsgäste kommen aktuell noch mit dem Auto nach Tirol – durch neue, attraktive Zugverbindungen aus Deutschland, Angebote wie Carsharing oder Shuttlebusse in den Urlaubsregionen und Anreize für die öffentliche Anreise können wir hier sicher etwas bewegen. Einige Tourismuspionier:innen gehen diesen Schritt schon und reduzieren beispielsweise den Preis für jene Gäste, die öffentlich anreisen und das Auto zuhause lassen. Ganz allgemein wandelt sich der Tourismus hin zu immer mehr Qualität statt Quantität und durch die Veränderungen des Klimas findet in Tirol auch ein Umdenken weg vom Wintertourismus in Richtung Ganzjahrestourismus statt.

Als Landesrat für Klimaschutz wüsste ich gerne, ob sie die Klimaziele von Paris für realistisch einschätzen und welche Maßnahmen dahingehend noch zu treffen sind.

Ich finde wir müssen alles dafür tun, die Emissionen zu verringern um den Klimawandel abzumildern, aber wir müssen uns auch dem geänderten Klima anpassen. Die reichen Industrienationen leben schon viel zu lang auf großem Fuß und es ist ein Umdenken notwendig – und zwar heute und nicht irgendwann. Wir müssen mutig vorangehen und neue Wege beschreiten. Das fängt damit an, dass wir alle uns fragen müssen, wie wir uns im Alltag fortbewegen und welche Dinge wir wirklich kaufen müssen und reicht bis zum Ausstieg aus fossiler Energie ganzer Nationen. Bei der Abmilderung des Klimawandels wird es sicher ein „push and pull“ brauchen –  also Anreize zum selbständigen Umdenken auf der einen Seite und entsprechende Gesetze und Verordnungen auf der anderen. Es ist mir wichtig, bei all den vorgegebenen Zielen immer auch die Menschen mitzunehmen, denn ohne eine überzeugte Mehrheit in der Bevölkerung werden wir diese notwendige Transformation nicht schaffen.

Als Landesrat für Europäische Verkehrspolitik wüsste ich gerne von Ihnen, was die neuesten Pläne im Bereich des Brenner Basis Tunnels sind.

Der Brenner Basistunnel ist ja ein Jahrhundertprojekt und schon lange fertig geplant. In Tirol und Südtirol schreiten die Bauarbeiten sehr gut voran. Derzeit sind fünf Baustellen aktiv, drei in Österreich und zwei in Italien. Im Juli 2022 erfolgte etwa der Tunnelanschlag für das größte Tiroler Baulos „Sillschlucht-Pfons“. Damit der Tunnel künftig aber optimal ausgelastet ist und entsprechend viele Güter auf die Schiene verlagert werden können, braucht es auch auf bayerischer Seite die entsprechenden Zuläufe für den Tunnel. Das geht mir zu langsam und ich hoffe, dass sich hier in nächster Zeit etwas tut. Mit dem bayerischen Verkehrsminister bin ich bereits in gutem Austausch in der Verkehrsfrage – allerdings braucht es hier auch auf Bundesebene ein klares Bekenntnis zu diesem wegweisenden europäischen Verkehrsprojekt, das mit vielen Steuermilliarden finanziert wird.

Als Landesrat für Abfallrecht und Abfallwirtschaft wüsste ich gerne, welche Pläne sie bezüglich Müllvermeidung in Tirol haben.

In Österreich und Tirol haben wir ein sehr gut funktionierendes Abfallmanagement. Es gibt klare Regelungen für die Mülltrennung, wir haben den Luxus, dass unser Haushaltsmüll vor der Türe abgeholt wird und in den Gemeinden gibt es effiziente Recyclinghöfe. Die richtige Trennung und Wiederverwertung von Abfällen ist das eine – Müllvermeidung das andere. Hier ist meiner Meinung nach jede und jeder Einzelne gefragt. Die Verwendung von Mehrweg-Einkaufstauschen oder auch die Auswahl der Produkte im Supermarkt nach Mehrwegverpackungen und vieles mehr – diese Dinge können den anfallenden Müll drastisch reduzieren.  Ich finde aber, hier ist bereits ein Wandel in der Gesellschaft spürbar. Zudem werde ich in den kommenden Jahren auch einen besonderen Fokus auf die Vermeidung von Lebensmittelabfall legen, da hier nicht nur tonnenweise wertvolle Ressourcen wortwörtlich weggeschmissen werden, sondern der sorgsame Umgang mit Lebensmitteln auch wirtschaftlich für Haushalte und auch Gastronomie viel Sparpotenzial hat.

Am Schluss ein paar Themen, die uns Jugendliche besonders interessieren: Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem von Jugendlichen? Wie entgegnen Sie dem politisch?

Ich habe ja selbst zwei Kinder, die noch junge Erwachsene sind. Und ich weiß, dass insbesondere die Corona-Pandemie, das Homeschooling und der Online-Unterricht an den Unis und der damit verbundene fehlende soziale Kontakt sehr schwierig waren. So etwas geht an vielen nicht spurlos vorbei. Ich denke, dass es wichtig ist, über diese Dinge zu reden und sich auch professionelle Unterstützung zu holen, wenn notwendig. Außerdem beschäftigt natürlich insbesondere die junge Generation der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die Zukunft. Unser Planet verändert sich und oftmals jagt eine Horrormeldung die nächste. Als in Tirol zuständiger Landesrat setze ich mich gemeinsam mit vielen anderen dafür ein, dass wir auf politischer Ebene unseren Beitrag leisten, um unseren Lebensraum auch für künftige Generationen zu erhalten. Wir sind das erste Bundesland in Österreich, das einen verpflichtenden Klimacheck für neue Gesetze eingeführt hat und haben mit der Tiroler Nachhaltigkeits- und Klimastrategie zahlreiche tolle Projekte auf der Agenda – sei es in Fragen der Mobilität, Energie, im Verkehr in der Wirtschaft oder auch was das Thema soziale Nachhaltigkeit betrifft.

Welchen Rat würden Sie Schüler*innen für die Zeit nach der Matura mitgeben?

In erster Linie sollte man so einen wichtigen Meilenstein im Leben genießen und sich hochleben lassen. Mit der Matura endet das Kapitel „Schulzeit“ und es geht weiter ins Berufsleben, ins Studium oder in den Zivildienst bzw. zum Bundesheer. Manche nehmen sich auch eine Auszeit, reisen oder absolvieren Praktika. Es gibt so viele Möglichkeiten und man sollte diese Zeit im Leben jedenfalls genießen. Mitgeben kann ich den Maturantinnen und Maturanten, dass sie an sich und ihre Visionen glauben sollen und nie den Mut verlieren, sich zu verändern.

Wie kann man Ihrer Meinung nach junge Menschen mehr für Politik begeistern? Wäre hier eine Direktwahl der LSV und BSV ein Schritt in die Richtung?

Ob ein anderes Wahlsystem bei der Schüler:innenvertretung am generellen politischen Interesse von jungen Menschen etwas ändern würde? Da bin ich mir nicht sicher. Ich glaube das Interesse an Politik entsteht zuallererst im Elternhaus. Dann kommt natürlich die Schulzeit – wie politische Bildung unterrichtet wird spielt hier sicher eine Rolle. Und ja, grundsätzlich glaube ich, es gibt einfach Menschen die sich mehr für Politik interessieren als andere. Was aber jedenfalls wichtig ist, ist die Demokratie in unserem Land zu schätzen und zu schützen und auch von seinen demokratischen Rechten Gebrauch zu machen. Als Neo-Politiker möchte ich für junge Menschen Vorbild sein und vielleicht kann ich so einige bisher Uninteressierte neugierig auf Politik machen.

Vielen Dank für das Interview!


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