Interview mit Helga Krismer


Helga Krismer ist Landessprecherin der Grünen Niederösterreichs. Nach der Landtagswahl Niederösterreichs hatte ich die Möglichkeit, mit ihr ein Interview zu führen


©Die Grünen Niederösterreich 

1. Zuerst würde ich gern ein bisschen was über Ihre Person erfahren: Was sind Ihre Pläne als Politikerin und als Privatperson für 2023?

Das Jahr 2023 ist jung und ich bin gerade dabei, das Jahr neu zu sortieren. Mit der geschlagenen Wahl tun sich neue Perspektiven auf, insbesondere für die Grünen in Niederösterreich, da wir wieder Klubstärke haben und dadurch eigenständige Anträge und aktuelle Stunden einbringen können, die im Landtag behandelt werden müssen. Durch die Wahl bekamen wir auch ein Bundesratsmandat.

  1. Was würden Sie als Ihren bisher größten Erfolg bezeichnen?

Außerparlamentarisch freut es mich, dass der von mir eingesetzte Samen Klimavolksbegehren solche Größe erreicht hat und vor allem von Jugendlichen so positiv aufgenommen wird.

Parlamentarisch ist die bisher stärkste Leistung, 2018 in den niederösterreichischen Landtag wieder einzuziehen, während wir gleichzeitig aus dem Nationalrat und Kärntens Landtag rausflogen.

  1. Was hat Sie dazu bewegt, in die Politik zu gehen?

Meine politischen Aktivitäten hängen mit der Lebensgeschichte zusammen. Ich studierte in Wien Veterinärmedizin und wählte nicht den klassischen Weg. Denn ich lebte nicht in Wien, sondern in Baden. Um in Baden wirklich anzukommen, ging ich in viele verschiedene Lokale. Mein Stammlokal gehörte dem ersten grünen Gemeinderat Österreichs, Fritz Zaun, der mich zur Partei brachte. Neben dem Studium begann ich mich mit politisch spannenden Themen zu beschäftigen. 2000 wurde ich bei einer grünen Gemeindeliste in Baden auf Platz 2 gewählt. Der Platz 1 dieser Liste war der damals Bundesgeschäftsführer. Am Wahlabend 2000 trat er zurück und ich wurde neue Nummer 1 in Baden. Danach prägten mich immer wieder Entscheidungen im Team. Zu meiner Kandidatur für die Landesliste 2003 entschloss ich mich nicht allein, sondern wurde auch von meiner Gruppe aus der Bildungswerkstatt und der damaligen Bundessprecherin Madeleine Petrovic überzeugt. Vor der Wahl schloss ich 2002 mein Doktoratsstudium ab und kam 2003 in den niederösterreichischen Landtag. 2010 wurde ich Vizebürgermeisterin Badens und regiere seit da zunächst mit ÖVP und seit Kurzem mit NEOS mit.

  1. Als nächstes möchte ich gern mit Ihnen über ein paar politische Themen sprechen:

Sehen Sie das Erreichen von Klimazielen als realistisch an, wenn man auch Atomkraftwerke wegen des European Green Deals als erneuerbare Energien mitzählt?

Ich glaube, dass man sich in vielen Belangen die maßlose Überheblichkeit abgewöhnen muss. Wir machen in Österreich auch nicht immer alles richtig. In Europa sind unterschiedliche Energiesysteme und ein gemeinsames Ziel, Klimaneutralität. Die Mitgliedsstaaten planen ihren Weg dorthin selbst. Frankreich beispielsweise setzt auf Kernkraft. Kein Wissenschaftler wird dagegen ernsthaft versuchen anzukommen, da Kernkraft kein CO2 ausstößt. Wegen vergangener Katastrophen, Fukushima und Tschernobyl, halten wir es in Österreich für einen Holzweg. Nicht nur bei den Grünen, sondern auch bei der ganzen Bevölkerung Österreichs steht dies außer Streit. Wir sollten jedoch nicht als Österreich aufgrund eigener mangelhafter Leistungen anderen Staaten irgendetwas im Bereich des Klimaschutzes vorschreiben. 

  1. Wie bewerten Sie die gegenwärtige Digitalisierung Österreichs? Wie wollen Sie diese

verbessern?

Seit Homeoffice haben wir gemerkt, dass wir leider in ganz Österreich die letzten 10-15 Jahre zu wenig machten. Für den Wirtschaftsstandort Land braucht es Internet. Dafür werden wir staatliche Gelder in die Hand nehmen müssen. Denn der Markt wird hierbei nicht genug nützen.

  1. Wie kann man das Bildungssystem in Österreich verbessern?

Neulich fragte ich mehr als 800 Schüler*innen in Sankt Pölten, ob irgendjemand meint, dass das Bildungssystem nicht verbessert werden soll. Es zeigte daraufhin niemand auf. Die Schüler*innen sind verzweifelt, die Lehrkräfte mehrheitlich im Burnout. Ein weiteres Symptom des mangelhaften Systems ist der problematische gesellschaftliche Umgang mit Wissenschaft. Man sollte die Auswahl von Lehrkräften verbessern, da Lehrkräfte Jugendliche wirklich mögen sollen. Weiters sollte man den Stoff aufs Wesentliche beschränken. Bis 15 sind lesen, schreiben, rechnen und logisches Denken wichtig. In den höheren Schulen kann man sich spezialisieren. Wenn man im derzeitigen System herausragend in Literatur und mangelhaft in Mathe ist, muss man sich trotzdem durchschleppen und kann sich nicht auf Literatur konzentrieren.

  1. Wie stehen Sie in diesem Zusammenhang zu Gesamtschulen aller zehn- bis fünfzehnjährigen?

Die Niveaus sind dafür zu unterschiedlich. In der NMS sind die Pädagog*innen besser mit Kindern, im Gymnasium hingegen im fachlichen Bereich. Weiters sanken die Niveaus. Lehrkräfte und Bildungspolitiker*innen nehmen bisher nicht alle Kinder mit und alles Persönlichkeitsbildende wurde aus dem Lehrplan herausgestrichen.

Gemeinsame Schule hat keine politische Mehrheit, daher sollten wir Fokus auf Lehrpläne legen.

  1. Wie kann man mehr Jugendliche für die Politik begeistern? Wäre eine direkte Wahlmöglichkeit der LSV und BSV eine unterstützende Maßnahme?

Politik ist mehr als nur irgendeine Wahl. Das Wichtigste ist ein Verständnis des Zusammenlebens, das die Schule vermitteln sollte. Eine große Anzahl von Lehrkräften ist sich der gesellschaftlichen Verantwortung nicht bewusst. Die Lehrer sollen nicht nur ihren Lehrplan abarbeiten, sondern auch die aktuelle Situation erläutern zB über Kriege und Krisen reden.

 

  1. Am Schluss ein paar Themen, die speziell Niederösterreich betreffen: Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem in Niederösterreich? Wie entgegnen Sie diesem Problem politisch?

Niederösterreich hat eine österreichweite Aufgabe bei den erneuerbaren Energien. Wir brauchen mehr Windkraft, Fotovoltaik und Biomasse. Wir haben das größte Potenzial. Aus großem Potenzial erfolgt große Verantwortung. Und diese Verantwortung wird hoffentlich die künftige Landesregierung nutzen, um die nationalen Ziele zu erreichen. Es laufen gerade ÖVP/SPÖ Koalitionsverhandlungen. Grüne werden Druck machen.

  1. Was ist Ihr größtes Projekt, das Sie im niederösterreichischen Landtag durchsetzen wollen?

Die erneuerbaren Energien, soziale Themen und wie man medizinische Versorgung am Land sicherstellen kann, werden uns weiterbegleiten. Das Weitere wird sich zeigen. Da es nach dieser Wahl erstmals eine Koalition in Niederösterreich geben wird und diese wird keine 2/3 Mehrheit haben, brauchen sie entweder die NEOS oder uns, um Verfassungsgesetze zu ändern.

Vielen Dank für das Interview!


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